Sagen und Erzählungen gibt es so lange, wie Menschen um Feuer sitzen. Das gilt auch und ganz besonders für das Montafon. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden viele alte Sagen von den Ärzten Franz Josef Vonbun und Richard Beitl schriftlich niedergelegt und so für die Nachwelt erhalten. Heute werden Sagen und Erzählungen häufig auch verfilmt und z.B. auf Youtube breit zugänglich gemacht.

Sagen sind kurze Erzählungen, die auf mündlicher Überlieferung basieren. Sie handeln häufig von Ereignissen und Phänomenen, welche sich die damalige Bevölkerung nicht zu erklären vermochte. Eine Form der Verarbeitung war das Erzählen und Weitererzählen solcher Erlebnisse. Darum sind die Verfasser meist unbekannt und die Sagen können auch oft mit realen Begebenheiten, Personen und Orten verbunden werden. Fließend sind die Übergänge zu den (sagenartigen) Erzählungen, die im Montafon häufig von der Landwirtschaft, dem Maisäßleben, der Wanderschaft von Handwerkern, aber auch von Kriegszeiten etc. handeln. Das Erzählen und die Überlieferung war früher eine Männerdomäne und auch vom christlichen Glauben beeinflusst.

Das mündliche Erzählen ist seit 2010 in Österreich von der UNESCO als Immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Auch der Montafoner Dialekt ist seit 2017 auf die Liste des Immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Eine der häufig erzählten Sagen ist die Sage vom Wildried oder vom reichen und geizigen Bauern. Das Hochmoor Wildried im hinteren Silbertal liegt auf knapp 1500m und ist damit eines der höchstgelegenen Hochmoore Zentraleuropas. Hochmoore heißen übrigens nicht so, weil sie hoch droben in den Bergen liegen, sondern weil sie sich nicht über Grund- oder Oberflächenwassers versorgen, sondern ausschließlich durch Niederschläge. Darum werden sie auch Regenmoore genannt.

 

Vor vielen, vielen Jahren stand am Wildried ein großer, reicher Bauernhof (oder vielleicht war es auch eher eine Alp) mit viel Vieh inmitten saftiger Weiden. Das Gras wuchs den Kühen ins Maul. Die Bäuerin badete in der Milch und die Kinder spielten mit den Käselaiben Fußball.

Als der Vater des Jungbauern verstarb und den Hof übergab, erhielt er nicht mal eine vernünftige Beerdigung mit Totenwache und Trauerfeier. Er wurde nur schnell in der Erde verscharrt, so geizig waren die reichen Bauern.

Zu jener Zeit gab es ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem am 15. August (Frauentag und Alpfeiertag) die Armen zu den Bauern zum Betteln kommen durften und etwas Essen für den Winter erhielten.

So kam auch ein armer Mann zu diesem Bauernhof und klopfte an. Der Bauer – groß und stattlich – öffnete: „Was willst du?“ „Ich bitte um ein wenig Butterschmalz, wie es Brauch ist um diese Zeit“, bat der Arme und hielt ihm ein Tongefäß hin. „Unverschämt, wir haben selber zu wenig!“ Der Bettler entgegnete: „Denk an das Gesetz, wir Armen dürfen betteln kommen!“ Schnaubend riss der Bauer ihm das Gefäß aus der Hand und verschwand. Wie er zurückkam, reichte er ihm das Tongefäß mit Butterschmalz und oben drauf lag eine harte Brotkrume: „Da nimm, das schmeckt sicher!“ Lachend warf der Bauer die Haustür ins Schloss und verschwand. Wie der Mann sich umdrehte und sogleich die Brotkrume ins Butterschmalz tauchte, hing Stallmist am Brot. Das Gefäß war mit Mist gefüllt, nur oben drauf war dünn Butterschmalz gestrichen. Erbost warf der Bettler das Gefäß ins Unterholz, fluchte und schrie:

 „Verdammte Bauern, ihr sollt in eurem Reichtum vermodern. Nie mehr wieder gesehen ihr Leut, hinab ins Moor versinken” 

 Da begann es zu knistern und knacken, biegen und brechen, toben und tosen. Der Bauernhof versank samt der Menschen und dem Vieh und darüber schloss sich eine Moordecke. So entstand das Wildried. Und auch heute noch kann man die ängstlichen Augen der versunkenen Bauern in der Dämmerung blitzen sehen.

 

Wer sich weitere solche Sagen in einer authentischen Umgebung anhören will, dem seien die Sagenwanderungen mit Hertha Glück auf dem Kristberg wärmstens empfohlen. Die Wanderungen finden bei Vollmond statt und garantieren ein einmaliges Erlebnis, bei dem sich jeder aufgrund der lebendigen Erzählkunst von Hertha auf die Sagenwelt von damals einlassen kann. Hertha Glück war Lehrerin u.a. für Deutsch, bis sie sich vor über 20 Jahren auf das Erzählen spezialisiert und selbständig gemacht hat.

Parallel zu den Sagen lernt der interessierte Zuhörer und Mitwanderer das Leben der Bergknappen auf dem Kristberg im Mittelalter genauso kennen wie die heute noch sichtbaren Überreste des Bergbaus und die faszinierende Pflanzenwelt im Montafon. Hertha hat dabei immer wieder Überraschungen für die Zuhörer auf Lager. Natürlich kommt auch die kulinarische Seite im Panoramagasthof Kristberg am Ende eben so wenig zu kurz wie das im Montafon obligatorische Schnäpsle.

 

Hier findet Ihr die Sage vom reichen geizigen Bauer beim Wildried, erzählt von Hertha Glück:

Wer sich Sagen in authentischer Umgebung anhören will, dem seien die Sagenwanderungen mit Hertha Glück auf dem Kristberg wärmstens empfohlen.
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