Hintergrundgespräch mit Bürgermeister Jürgen Kuster

Derzeit wird in Schruns sehr viel gebaut. Dies hängt auch unmittelbar mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen, die jahrelang stagnierte, sich dann aber sprunghaft erhöht hat. Die Frage ist, wie das ankommt, was so in Schruns gebaut wird. Vogewosi-Bauten, Jäger-Bauten, Alpina, Josefsheim, Kurhotel, Museum neu, aber auch Bahnverlängerung, neue Hochjochbahn etc. sind die zentralen Stichworte, die fallen, wenn Einheimische sich über die Bautätigkeiten im Ort unterhalten. Aber auch den Gästen fällt auf, dass sich viel bewegt. Glücklich sind darüber weder Gäste noch Einheimische, denn das Ortsbild wandelt sich erheblich. Wandlung oder Verschandelung? Dieser Frage wollten wir nachgehen und haben uns mit Bürgermeister Jürgen Kuster getroffen, der uns bereitwillig und offen über Zusammenhänge und Hintergründe der Bautätigkeiten informiert hat.

Schruns an sich hatte schon immer eine vielfältige Architektur und – für das Tal untypisch – nur wenig Holzhäuser. Die für das Tal an sich typischen und einzigartigen Montafoner Häuser findet man auch in Schruns, aber zahlreiche alte Häuser haben gerade keine Holzfassade. Damals waren die Leute stolz darauf, wenn das Haus kein Holzhaus war und sie sich mit einer Steinfassade vom Rest der Mitbürger abheben konnten. So hat man z.B. vor das bekannte Maklott-Haus mit der auffallenden, rosafarbenen Jugendstilfassade im Zentrum von Schruns die Fassade nur als „Fassade“ gebaut, das Haus „dahinter“ selbst wurde konventionell errichtet.

Wie viele Gemeinden, so hat auch ­Schruns ein räumliches Entwicklungskonzept, Raum- und Bebauungspläne für das Gemeindegebiet erstellt, aus denen hervorgeht, in welcher Höhe, mit welcher Geschossanzahl etc. gebaut werden darf. Die Vorgaben orientieren sich dabei am Bestand, so Bürgermeister Jürgen Kuster. Genauere Vorschriften, die auch zu Dächern, Neigungswinkeln und Farben etwas aussagen, hat es in Schruns gegeben, diese hat man aber mangels Praktikabilität und wegen Widerstand der Eigentümer bereits vor Jahren abgeschafft. Wenn man z. B. deutsche Regelungen aus dem Bauplanungsrecht und Bauordnungsrecht kennt, kann man sich über diese Liberalität durchaus wundern.

Im Bild: Kuranstalt Montafon. (Alle Fotos: Manfred Schlatter)

Hotel Taube

Veranstaltungssaal im Hotel Taube

Im vergangenen Jahr hat sich die Gemeinde dagegen selbst einen Gestaltungsbeirat gegeben, der aus drei Architekten besteht. Dieses aus wirtschaftlicher Sicht nicht ganz günstige Gremium gönnt man sich, um die Qualität der Baukultur in Schruns zu steigern, wie Jürgen Kuster engagiert ausführt. Zwar wird bei jedem Projekt der Gestaltungsbeirat zugezogen, am Ende entscheidet aber natürlich die gewählte Gemeindevertretung über die Genehmigung der einzelnen Projekte.

Insgesamt, so erklärt uns Jürgen Kuster, ist in Schruns seit vielen Jahren der Leerstand (häufig verbunden mit Investitionsstau wie beim Gasthaus Taube) ein großes Problem. Jahrelang standen Alpina, Josefsheim, Kurhotel und viele andere Gebäude in Schruns leer. Die Gemeinde hat sich bemüht, diese Situation zu verbessern. So wird dann eben schon mal dem Druck von Bauunternehmen/Bauträgern nachgegeben, die behaupten, man müsse in der und jener Weise bauen, damit sich das Projekt rechne. Es gilt dabei immer wieder zwischen den Wünschen und Forderungen der Bauherren und dem öffentlichen Interesse der Gemeinde abzuwägen und oftmals Kompromisse zu finden.

Kronengasse

Gästezimmer im Kurhotel

Außerdem wird von der Gemeindevertretung mit dem Instrument gespielt, das im Montafon aufgrund seiner touristischen Attraktivität sehr wertvoll ist: Der Zweitwohnsitzwidmung. Denn das bedeutet eine Wertsteigerung der betroffenen Wohnung oder des betroffenen Hauses um 30-50%.

Im Grundsatz sollen keine weiteren Zweitwohnsitze genehmigt werden, damit die Gemeinde auch weiterhin eine lebendige Gemeinde bleibt und nicht mit „kalten Betten“ zu ­einem Problemfall wird, was Infrastruktur, Gewerbeansiedlungen und Arbeitsplätze angeht. Dafür gibt es ein Regelwerk, das sich die Gemeinde selbst gegeben hat. Bei erhaltenswerten Gebäuden und solchen unter Denkmalschutz kann eine Zweitwohnsitzwidmung in dem Gebäude in einer Einheit genehmigt werden, sofern die Auflagen der Gemeinde zum Erhalt und Nutzung des Hauses erfüllt werden.

Hnr. 14 in Schruns

Haus Bahnhofstraße Schruns

Das sich derzeit in Bau befindliche Projekt Alpina neu direkt vor dem Zentrum, auf das jeder Einheimische und Gast nach Überqueren der Litzbrücke zufährt, sieht jedenfalls in der Bauphase grässlich aus und erregt die Gemüter ungemein. Der Baukörper ist sicher im Vergleich zum vorherigen Alpina viel größer, aber er passt sich den umgebenden Gebäuden noch an, so Jürgen Kuster. Die Gemeinde hat jedenfalls Vorgaben wie Plätze rundum, einen Durchgang und Gewerbe im EG vorgeschrieben. Wir sind sehr gespannt, wie das Gebäude aussieht, wenn es fertig und die Betonfassade verkleidet ist.

Das unter Denkmalschutz stehende Josefsheim (gegenüber vom Hotel Löwen in Schruns), das von der Bergbahn Silvretta Montafon (SiMo) gekauft wurde und das in den sozialen Medien breit aufgegriffene Thema des „alten Stalles“, der auf diesem Grund stand und mittlerweile abgerissen wurde, bewegt die Gemüter ebenfalls. Hier hat sich die Gemeinde auf einen schlanken und hohen Büroturm eingelassen, den die SiMo versetzt vor dem Josefsheim errichten darf. Vorgabe ist immerhin eine Natursteinfassade, allerdings hat die Gemeinde 5 Geschosse genehmigt, denn sie will natürlich die in Aussicht gestellten 60 Arbeitsplätze nach Schruns holen.

Die Apotheke mitten im Zentrum wurde auch komplett saniert, hier hat z.B. der Gestaltungsbeirat das Satteldach durchgesetzt. Dieses Gebäude ist zwar modern, fügt sich aber aus unserer Sicht gut in das Gesamtensemble ein. Offen ist gegenüber der Apotheke noch der Neubau des Museums, der vor einigen Jahren von einem Bürgerbegehren aufgrund der Modernität der Planung abgelehnt wurde.

Cafe Alpina (abgerissen)

Cafe Alpina Neubau (Foto: privat)

Von den „Vogewosi- und Jägerbauten“ im Dreieck Sutterlüty – Käsehaus – mbs-Garage kann man ein positives Einfügen nicht behaupten. Die Klötze sind zwar relativ weit weg vom Zentrum an der Landesstraße Richtung Innermontafon, dennoch ist deren Anblick alles andere als das, was man im Montafon an Baukultur erwarten würde. Dennoch: Die Gemeinde braucht Wohnraum, die Einwohner benötigen auch im Montafon immer mehr Wohnfläche pro Person. 150 Wohnraumsuchende sind der Gemeinde derzeit bekannt, so Jürgen Kuster und diese Nachfrage soll befriedigt werden können. Auf unser Nachbohren, warum die Leute denn in solchen Blöcken wohnen sollen, gibt Jürgen Kuster zu, dass ihm auch an der Verbesserung der Qualität der Architektur gelegen ist und nicht um jeden Preis Baugenehmigungen erteilt werden sollen.

Für das Areal des Ende letzten Jahres abgerissenen Kurhotels, das vor Jahrzehnten weit über das Montafon hinaus bekannt war und zahlreiche Berühmtheiten beherbergen dufte, steht die Gemeinde in Verhandlungen mit einem Investor für einen Hotelbetrieb mit 150 Betten, wobei auch hier wieder der „Zweitwohnsitzhandel“ in die Schale geworfen wird.

Gasthof Jochum – Alte Kegelbahn

Im seinem neuen Buch STILLSTAND beleuchtet Manfred Schlatter auch das Thema Leerstand mit der Kamera. Mehr Infos zum Buch gibt’s hier

Auf unsere abschließende Frage nach den Eisenbahnplänen Richtung Innermontafon gibt uns Jürgen Kuster zu verstehen, dass er diese nur bei einer Trassenführung durch Schruns befürwortet, sie volkswirtschaftlich insgesamt aber auch etwas anzweifelt und die Realisierung noch weit entfernt glaubt. Siehe zum Thema Bahnprojekt