Interview mit Kunsttischler Markus Juen aus St. Gallenkirch

Lieber Markus, wir sitzen hier inmitten wunderschöner Montafoner Möbelstücke an einem Montafoner Tisch. Du bist einer der wenigen Tischler im Montafon, der sich um dieses alte Handwerk noch kümmert. Mit Jahrgang 1976 bist Du aber alles andere als alt, wie bist Du zu dem Handwerk gekommen?
Die Montafoner Tische sind ja sehr alt, über 300 Jahre. Ursprünglich waren sie 4-eckig, fast quadratisch, mit gebrochenen Ecken und natürlich immer mit einer Schieferplatte in der Mitte. Dazu gehören auch die aufwendigen Einlegearbeiten, die wir aus verschiedenen heimischen Hölzern anfertigen. In den Kriegsjahren gerieten die Tische in Vergessenheit. Mein Großvater Otto Juen hatte zusammen mit meiner Großmutter in St. Gallenkirch eine Gaststätte, das Gemse. Für diese Gaststätte hatte er in den 30er Jahren angefangen, wieder Montafoner Tische zu bauen und sie damit einzurichten. Immer mehr Gäste sagen dann zu ihm: Du, Otto, kannst Du mir auch so einen Tisch machen? So hat es sich dann entwickelt, dass mein Großvater als gelernter Tischlermeister den Montafoner Tisch im Tal wiederbelebte. Das war derart erfolgreich, dass meine Großmutter das Gemse bald allein bewirtschaften musste. Diesem Montafoner Handwerk hat sich dann auch mein Vater Raimund Juen verschrieben, er hast ausschließlich typische Montafoner Möbel hergestellt, das meiste davon waren Montafoner Tische.

 

Und in diese Fußstapfen bist Du dann getreten?
(schmunzelt) Naja, ich selbst habe zunächst Innenraumplanung und Möbeldesign studiert und es war alles andere als ausgemacht, dass ich den Betrieb von meinem Vater übernehme. Nach dem Studium hatte ich bereits ein tolles Jobangebot in Wien. Mein Fast-Arbeitgeber hat aber herausgefunden, dass meine Eltern mit dieser Entscheidung gegen die Heimat zwar nicht unzufrieden, aber dennoch etwas traurig waren. Er sagte zu mir: Markus, ich war in einer ähnlichen Situation wie du jetzt und folgenden Ratschlag möchte ich dir geben: „Geh nach Hause für ein Jahr, übernehm den elterlichen Betrieb und wenn es Dir nicht gefällt, kannst Du jederzeit wieder bei mir anfangen.“ Das hat mich schwer beeindruckt und so habe ich es dann auch gemacht. Was soll ich sagen, das war im Jahr 1999 und ich bin immer noch hier….

 

Das heißt, Du hast Die Entscheidung nie bereut?
Nein, am Ende nicht. Natürlich überlegt man sich, was wäre gewesen, wenn. Aber wie ich dann verheiratet war und mit unseren zwei Kindern, die hier der Werkstatt gegenüber in unserem Haus im Montafon inmitten der Berge, der Natur und der unzähligen Sport- und Skifahrmöglichkeiten aufwachsen können, da wusste ich, die Entscheidung war richtig. Bei mir ist es auch so: Mich motiviert die Zufriedenheit des Kunden und das Leuchten in seinen Augen, wenn ich sehe, dass das Möbelstück oder die Einrichtung des Zimmers genau seinen Vorstellungen entsprechen oder sogar noch besser rauskommen, als er es sich vorgestellt hat. Das war schon immer mein Antrieb und das kann ich hier in meinem eigenen Unternehmen am allerbesten verwirklichen.

Copyright Foto: Andreas Haller.

Die Gaststätte Gemse wurde in den 30er Jahren vom Großvater mit selbst gefertigten Montafoner Tischen ausgestattet. Die Wiedergeburt einer langen Tradition.

Und was bietest Du Deinen Kunden an? Auch „nur“ Montafoner Tische?
Nein, ganz und gar nicht. Die Montafoner Tische und die dazugehörigen Möbel wie Stühle und Kästen (Schränke, Red.) sind sicher weiterhin ein wichtiges Standbein für unseren Betrieb. Das alte Know How geht ja auch verloren, wenn das niemand mehr macht, das fände ich vor dem Hintergrund der Geschichte des Montafoner Tisches und auch der meiner Familie sehr schade. Ich sag es mal überspitzt: Einfache Schränke machen kann jeder, darum ist mir wichtig, das alte Handwerk zu erhalten. Aber ich mache nicht nur das, sondern ungefähr im gleichen Umfang auch sehr moderne Möbel. Also Küchen, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bäder, alle Arten von Innenraummmöbeln einfach. Dabei gibt es sogar fließende Übergänge. Denn ich habe mir überlegt, wie ein „neuer“ Montafoner Tisch aussehen könnte, quasi ein Montafoner Tisch 2.0. Denn der Wohnraum verändert sich ja ständig, da gilt das gleiche wie für die Montafoner Häuser, die haben sich auch weiterentwickelt, auch wenn die inzwischen in ihrer Vollholzvariante leider praktisch ausgestorben sind. Also habe ich den Montafoner Tisch auf das Wesentliche reduziert: Moderner Tisch in Handarbeit gefertigt, schräggestellte Metallfüße und eine Schieferplatte in der Mitte. Das kommt gerade bei meinen jüngeren Kunden sehr gut an.

 

Du bietest alles in Handarbeit an?
Ja, bei mir sind alles Unikate, wir nutzen hierfür auch keine CNC-Fräsmaschine. Bei einem Tisch in Handarbeit sind die Einlegearbeiten immer leicht unterschiedlich, das kann man bei jedem Montafertisch erkennen. Somit entsteht etwas ganz besonderes, was auch unsere Kunden sehr schätzen.

 

Und wer sind Deine Kunden? Montafoner, Gäste?
Ja, beides. Interessanterweise sind es bei den Montafoner Tischen eher die Gäste, ich habe schon Tische in die ganze Welt verschickt. Im Montafon ist der Markt eher gesättigt, die Tische halten ja ewig, wer einen hat gibt ihn auch nicht mehr her, denn je älter sie werden, desto wertvoller und schöner sind sie ja. Das ist wahre Nachhaltigkeit. Meine modernen Möbel fertige ich für Häuslebauer aus dem Tal, welche Planung, Design, Qualität und Handwerk schätzen. Wohnraum wird immer teurer, so ist die optimale Raumausnutzung durch maßgeschneiderte Möbel auch ein Anreiz, diese bei mir zu bestellen. Denn am Ende sind sie dann nicht teurer als gute Möbel aus dem Möbelhaus.

 

Lieber Markus, vielen Dank für den Einblick in Dein spannendes Handwerk und wir bitten Dich darum, dass Du das Know How weitergibst an Deine Kinder oder andere Nachfolger, damit die Kunst des Montafoner Tisches nie ausstirbt!

Mehr zu den Produkten von Markus unter www.juen.cc