Die Gebirgsjagd im Montafon gilt unter Jägern als attraktiv, werden doch für Jagdpachten und den Jagdbetrieb im Montafon jährliche Beträge im 6-stelligen Bereich bezahlt. Hier lässt sich in herrlicher Landschaft Rotwild jagen und ein Trophäenhirsch erlegen. Jagdpächter der Jagdgebiete sind im Montafon häufig vermögende Schweizer oder Deutsche, die dann wiederum lokale Jagdaufseher und Hilfsjäger beschäftigen.

Als jagdbares Wild gibt es große Bestände an Reh- und Rotwild (Hirsche), aber auch Gamswild, Steinwild und Murmeltiere können bejagd werden. Die Probleme mit Schwarzwild (Wildschweinen), die in anderen Jagdgebieten erheblich sind, existieren im Montafon nicht, hier gibt es kein Schwarzwild. Gelände, Klima und Vegetation „schmeckt“ dem Wildschwein nicht. Aber Füchse, Dachse, Marder, Wiesel, Schneehasen und sogar vereinzelt Luchse sind im Montafon heimisch. Auch ca. 100 Vogelarten kommen im Montafon vor, darunter Steinadler, Falke, Habicht, Mäusebussard und Specht sowie Birkwild und Auerwild.

Unterschiedliche Interessen von Jagd, Forst und Landwirtschaft

Die Wünsche und Ziele von Jagd und Forst – und neuerdings auch der Landwirtschaft – sind häufig kontrovers.

Dem Forst ist an gesunden Wäldern ohne Wildverbiss gelegen, was insbesondere im Montafon eine große Rolle spielt, beträgt doch der Schutzwaldanteil beim Stand Montafon, dem größten Waldeigentümer des Tals, 90%. Die Überschneidung des Lebensraums von Reh- und Rotwild mit den Schutzwäldern in hohen Lagen schafft besondere Herausforderungen für Forst und Jagd.

Die Jäger haben ein Interesse an einem großen Wildbestand, weil das die Jagd unter Abschussgesichtspunkten attraktiv macht. Sie argumentieren, dass nur durch die Jagd der Wald und die Landwirtschaft geschützt werden können, denn die Anzahl des Wildes müsse durch Abschuss in einem erträglichen Maß gehalten werden.

Landwirte wollen ihre Tiere im Sommer auf die Alp bringen (3-Stufen-Landwirtschaft im Montafon) und dabei nicht Gefahr laufen, dass sich die Tiere bei Wildtieren mit Krankheiten wie z.B. TBC anstecken, was erhebliche Schäden für den Betrieb mit sich bringt.

Wildpopulation und Winterfütterung

Wie hängen Jagd und Wildpopulation zusammen? Im Grundsatz gilt für die Population von Wild die kompensatorische Sterblichkeit, wenn also eine Art des Ausfalls wie die Jagd wegfallen würde, würden sich Krankheiten, natürliche Feinde etc verstärken. Die kompensatorische Sterblichkeit reguliert theoretisch die Wildpopulation also auch ohne jede jagdliche Nutzung. Erst durch die Wildbejagung entsteht der jagdbare Überschuss, der im Rahmen der kompensatorischen Sterblichkeit bleibt, wenn man die Wildpopulation nicht regulieren will. Eine Reduktion erfordert damit einen über die kompensatorische Sterblichkeit hinausgehenden Abschuss.

Verschärft wird das Problem durch die auch unter Jägern nicht unumstrittene Wildfütterung von wiederkäuendem und geweihtragenden Schalenwild (Rehwild und Rotwild), die im Montafon im großen Stil mit der Begründung betrieben wird, dass das Wild so im Winter aus den besiedelten Räumen ferngehalten und ihm das Überleben in den Bergen gesichert wird. Der Mensch hat dem Wild Wintereinstandsgebiete weggenommen und diese müssten durch Fütterung ausgeglichen werden. Diese Logik ist sicher nicht zwingend, denn wenn der Mensch dem Wild den Raum nimmt, wird das Wild weniger. Den Eingriff in die Natur mit einem weiteren Eingriff der Fütterung zu kompensieren, macht wenig Sinn. Wollte man den Wildbestand erhalten, müssten die Räume für das Wild erhalten werden. In der angrenzenden Schweiz ist die Wildfütterung mit der Begründung verboten, dass eine Ausbreitung von TBC verhindert werden soll. Die Wildbestände sind nach dem Fütterungsverbot nicht drastisch gesunken.

TBC beim Wild und Nutztier

Was hat es mit der TBC beim Wild auf sich? Die Tuberkulose, TBC, ist eine bakterielle Erkrankung. Verschiedene Bakterien, Parasiten und Überbesatz lösen die Faktorenkrankheit beim Rotwild und bei Haustieren aus, auch Rinder und alles Haar- und Federwild kann befallen werden, auch Menschen. Den Übergang auf den Mensch nennt man Zoonose, er erfolgt meist über den Rohmilchgenuss. TBC führt zu chronischen Eiterherden in Lunge und Brustfell und einer hochgradigen Lymphknotenvergrößerung. Die Krankheit ist anzeigepflichtig. Sie nimmt zu, insbesondere durch Zuwanderung („Arme-Leute-Krankheit“). Vom Land Vorarlberg wird ein Rotwild-Monitoring durchgeführt, das die letzten Jahre im Ergebnis rund 5% der Abschüsse als mit TBC infiziert festgestellt hat. Im Silbertal waren es im Winter 2019/2020 sogar 14%. Das Wildbret ist genussuntauglich.

Beim Rind kann die Zeit zwischen der Ansteckung und dem Auftreten erster Anzeichen der Krankheit Monate bis Jahre dauern. In einer späten Phase der Erkrankung zeigt sich die Tuberkulose bei Rindern als chronisch-auszehrende Krankheit mit vergrößerten Lymphknoten, Fieberschüben, Milchleistungsrückgang und Abmagerung. Die Rotwildpopulation in Vorarlberg, vor allem im Klostertal und im Silbertal, ist teilweise mit Tuberkulose verseucht. Aufgrund des Wanderverhaltens des Rotwilds durch übergroße Räume besteht die Gefahr, dass Tuberkulose auf weiteres Wild und auf Nutzvieh übertragen wird. Beim Nutzvieh geht man davon aus, dass dieses vor allem auf den Alpen mit den infizierten Wild in Berührung kommt. Dennoch sind auch Verdachtsfälle aus dem Unterland (Dornbirn) von Vieh bekannt, das nicht auf der Alp war im Sommer. Die Ausbreitung der Krankheit innerhalb der Wildtierpopulation erfolgt vor allem an Orten, an denen sich die Tiere massiert auf engstem Raum aufhalten (wie z.B. an der Fütterung). Eine Übertragung von Tuberkuloseerregern zwischen Wildtier und Wildtier sowie zwischen Wildtier und Rind ist in beide Richtungen möglich und erfolgt durch direkten Tierkontakt oder durch indirekten Kontakt (z.B. über mit Speichel versehenes Futter oder Wasser).

Wildkrankheiten bedeuten immer auch wirtschaftliche Verluste für die Jagd, eingeschränkte Wildbretverwertung und die Gefahr der Übertragung auf andere Tiere oder den Menschen. Je nach Ursache unterscheidet man bei den Infektionskrankheiten nach dem Erreger: Viren (Tollwut, Schweinepest), Bakterien (TBC und Gamsblindheit, beides derzeit akute Problemfelder) und Pilze, außerdem gibt es Invasionskrankheiten durch Außen- und Innenparasiten.

Für den Landwirt bedeuten die TBC-Verdachtsfälle und der Befall der Tiere mit TBC immer eine Sperrung des kompletten Betriebes. Er kann in der Zeit nicht mit dem Vieh handeln und noch schlimmer, er muss alle Milch vernichten, die in der Zeit anfällt. Bestätigt sich der Verdacht, müssen beim Erreichen bestimmter Quoten die gesamten Viehbestände des Hofes geschlachtet werden. So sind im Januar 2018 5 Höfe (4 im Montafon, einer in Dornbirn) vom Verdacht auf TBC-Befall gesperrt worden. Auch im Januar 2019 und 2020 sind wieder Höfe betroffen im Bezirk Bludenz, zu dem das Montafon gehört.

Regulierung des Wildbestandes

Die wildökologische Raumplanung ist eine großflächige Regionalplanung, auf der die Detailplanungen aufbauen. Für die Jagdwirtschaft wird in bestimmten Gebieten für bestimmte Wildarten eine Abschussplanung erstellt. Zum Umgang mit dem Rotwild wurden von der Landesregierung folgende Wildbehandlungszonen festgelegt:

  • Kernzone: Rotwild soll erhalten, gefördert und muss gefüttert werden.
  • Randzone: Nur vorübergehend geduldet, verminderte Wilddichte. Fütterung verboten.
  • Freizone: Kein Rotwild geduldet, es besteht Erlegungspflicht – unter Beachtung der Schonzeit, zB. Bregenz/Rheintal. Fütterung verboten.

Die Regulierung der Wildbestandsstruktur durch Abschusspläne und die gewünschten Korrekturen sind nur über Jahre zu erreichen, was eine genaue Beobachtung und darauf aufbauende Maßnahmen bei der Abschlussplanung erfordert. Dabei werden u.a. auch Mindestabschussvorgaben gemacht, deren Nichteinhaltung mit Bußgeld belegt werden kann. Seit 2018 sind konsequenterweise erste Strafverfahren gegen Jäger eingeleitet worden, deren Abschussquoten weit unter den Vorgaben lagen. Nicht unproblematisch dabei ist, dass die Abschusskontrolle und Wildzählung ebenfalls unter anderem von den Jägern ausgeführt wird…

Im Winter 2020 wurde in einem Round Table TBC auf Landesebene als eine Maßnahme im Aktionsplan TBC 2020 festgelegt, dass Regulierungsgatter vorgeschrieben werden sollen, wenn die Abschusspläne nicht erreicht werden. Solche Gatter zäunen ein Quadrat oder Rechteck ab und haben ein per Fernbedienung verschließbares Tor. Das Wild wird mit Futter in das Gatter gelockt und dann vom Jäger erschossen. Das trifft dann zwischen 5 und 20 Stück. Das furchtbare Gemetzel will man sich lieber nicht vorstellen, auch wenn es letztlich dazu dient, dem Vieh wiederum das Leben zu retten.

Fazit

Die Ausführungen zeigen, dass genug rechtliche Instrumente vorhanden wären, um das Spannungsfeld zwischen Jagd und Forst/Landwirtschaft sowie der Gesundheit von Mensch und Tier zu regulieren. Denkbar wäre ja, in den TBC-betroffenen Gebieten Randzonen für das Rotwild festzulegen und die Fütterung zu verbieten. Denn bei Betrachtung der Fakten drängt sich unmittelbar auf, dass die Jagd derzeit immer noch eine starke Position hat, obwohl das alles andere als zwingend ist. Hier soll nicht für die Abschaffung der Jagd plädiert werden. Aber einerseits immer härtere Abschusspläne zur Reduzierung der TBC-Gefahr zu erstellen, die von einigen Jägern immer wieder nicht erfüllt werden und außerdem weiterhin die Wildfütterung in großem Stil zu erlauben, das erscheint doch wenig plausibel.

Hier sind natürlich handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel, denn einerseits wollen die Jäger ihrem Hobby (und die Berufsjäger ihrem Beruf) nachgehen, andererseits sind die Beträge, welche für die Jagd aufgewendet werden müssen, für viele Gemeinden und Alpen willkommene Einnahmequellen, die gerade den Alpen häufig das Überleben sichern. Dennoch stehen nach § 3 JagdG Vorarlberg die Interessen der Landwirtschaft über denen der Jäger. Damit sind die Behörden gefordert, die Vorgaben des Gesetzes zum Wohle von Mensch, Wild und Nutztier entsprechend umzusetzen.

Weitere Infos der Jagdgegner:
www.abschaffung-der-jagd.at

Weitere Infos der Jagdbefürworter:
www.vjagd.at