Interview mit Ewald Netzer aus dem Silbertal, Hotelier in Schruns und Gaschurn sowie Organisator der Sagenfestspiele im Silbertal.

Grüaß Di, Ewald. Derzeit laufen wieder die Sagenfestspiele, deren Initiator, Autor und Regisseur Du bist. Um was geht es bei dem neuen Stück: Peppino, der Alpenmagier?

Wir haben eine besondere Sage zum Jubiläum ausgewählt, da muss schon was Gehaltvolles mit Tiefgang her. Noch vor der Bergbauzeit waren im Montafon sogenannte Vendigermännle unterwegs. So wurden Leute aus Venedig genannt, die vor allem für die Glasproduktion in Murano spezielle Bodenschätze wie Mineralsand, Kobalt etc. gesucht haben. Den Einheimischen waren diese Fremden natürlich sehr suspekt, zumal sie mit ihren Bergspiegeln auch unbekannte Werkzeuge mit sich führten, sich anders kleideten und andere Namen trugen (Peppino ist die italienische Form für Josef). Die Einheimischen verstanden zwar nicht den Zweck des Aufenthalts der Venedigermännle, jedoch hatten sie immer das Gefühl, sie würden dem Tal seltene Metalle o.ä. stehlen. So rankten sich auch viele Geschichten um deren Auftreten und ihre Fähigkeiten, dass sie z.B. einfach davonfliegen könnten.

Ihr feiert dieses Jahr 20 Jahre Jubiläum, herzlichen Glückwunsch! Wie hat denn das alles angefangen und wie hat es sich über die Jahre entwickelt?

Vor über 20 Jahren war ich in Hawaii und habe dort ein Zentrum entdeckt, dass sich mit den alten Geschichten und Traditionen der Inseln beschäftigt hat und diese auch in einem Theater aufführten. Mein Bruder Peter und ich haben uns dann gesagt, dass wir das im Montafon mit unserer Erzähltradition auch machen müssten. Wir haben uns dann auf Materialsuche begeben und sind dabei weit rumgekommen. Natürlich im Montafon, aber auch in Landquart und über die Kirche in Chur haben wir Informationen aufgetrieben und aus diesen das erste Stück geschrieben und dann im Silbertal aufgeführt. Das erste Stück spielte an einen Wasserfall, da hatten wir uns den Teufelsbach im Silbertal ausgesucht. Schon früher hatten wir unseren Gästen an diesem Wasserfall Sagen erzählt. Für eine größere Aufführung war das aber nicht geeignet, und da Peter dieses Grundstück dann geerbt hat, auf dem heute die Bühne und das Dorf der Sagenfestspiele stehen, haben wir dort mit viel Aufwand einen künstlichen Wasserfall und nach und nach das ganze Dorf geschaffen.

Wie seid Ihr organisiert und gibt es neben dir zentrale “Figuren” bei den Sagenfestspielen?

Wir sind organisiert als Kulturverein und als Spielgruppe, welche den ganzen Aufwand tragen. Bis zum Tod meines Bruders Peter war er die zentrale Person und hat auch die Stücke geschrieben, wir haben sehr viel zu zweit bewegt, jetzt bin ich allein der Verrückte. Für die Stücke lese ich sehr viel und baue dann die einzelnen Informationen in neue Stücke ein. Dabei ist wichtig, dass auch der Montafoner Sprachschatz vorkommt, dass die Geschichte einen spannenden roten Faden hat, kurzweilig ist und die Zuschauer einen Einblick bekommen, wie das dörfliche Leben früher war, wie das Handwerk funktioniert hat und wie die Leute gedacht, gelebt und gearbeitet haben.

Wo kommen die Schauspieler her und wie viele Leute arbeiten für die Aufführung?

Pro Aufführung sind je nach Stück zwischen 45 und 60 Leute im Einsatz. Es sind ja nicht nur die Schauspieler, auch Bühne, Technik und Verpflegung, alles muss organisiert sein. Das sind meist Leute aus dem Tal, mit denen wir schon viele Jahre arbeiten. Dennoch suchen wir immer wieder neue Leute.

Sagenfestspiele sind ja “nur” Dein Hobby. Hauptberuflich betreibst Du die Hotels Vitalquelle Montafon in Schruns und das Hotel Älpili in Gaschurn. Wie kriegst Du das alles unter einen Hut?

Das geht nur mit einer engagierten Familie und sehr guten Mitarbeitern. Meine Tochter und meine Frau sind in beiden Hotels ja äußerst aktiv, so dass ich den Freiraum dafür habe. Auch bei den Sagenfestspielen haben wir ein tolles Team, vieles läuft heute ohne mich, was früher nicht gegangen wäre. Wir sind auch professioneller geworden und arbeiten für die Werbung z.B. mit einer Agentur zusammen, das haben wir früher alles selbst gemacht.

Als erfahrener Hotelier: Was sind die Herausforderungen für Dich in der Branche für die Zukunft?

Wir sollten bei unseren Wurzeln bleiben und nicht abheben. Es macht keinen Sinn für das Montafon, wenn wir städtischer als die Städte sein wollen, aus denen unsere Gäste kommen. Wir müssen authentisch bleiben, die Personen, die Kulturlandschaft, die Bauweise, das ist, was uns auszeichnet und was uns erfolgreich macht. Hier muss das Bewusstsein auch bei den Einheimischen gestärkt werden. Das gilt auch für die Tatsache, dass der Wohlstand im Tal aus dem Tourismus kommt. Auch heute noch.

Und was sollte das Tal Montafon aus Deiner Sicht künftig besser machen?

Wir sollten mehr miteinander arbeiten und offen miteinander umgehen, denn wenn irgendwas gut funktioniert im Tourismus, dann profitieren wir im gesamten Tal davon. Das gilt auch für jene Einwohner, die nicht direkt im Tourismus arbeiten.
Wir haben etwa das Problem, dass durch die Stromproduktion das Tal entzweit wurde. Das setzt sich bis heute fort. Wer also bei den Illwerken oder sonst in einem tourismusfernen Gewerbe arbeitet, hatte für Gäste nicht mehr viel übrig, das “brauchts ja nicht mehr”. Das haben die Illwerke noch dadurch gefördert, dass die Zentrale mit den höherwertigen Jobs nach Bregenz verlegt wurde und sie selbst kaum noch Interesse am Tourismus gezeigt haben.
Erst seit Walter Klaus, der das Gebiet Silvretta Nova und Hochjoch wieder nach vorn brachte, bevor es die Silvretta Montafon und damit die Bank BTV übernahm, hat sich das gebessert. Und in den letzten Jahren dreht das auch wieder bei den Illwerken, wie man an den ganzen Investitionen vor allem für den Sommer am Golm sehen kann. (Anm. der Red: Dem lokalen Stromanbieter Illwerke VKW gehören die Bergbahnen am Golm).
Im Ergebnis müssen wir an einem Qualitätstourismus arbeiten. Masse ist nichts für das Tal, wir dürfen uns nicht über den Preis verkaufen. Dazu braucht es aber auch ein gutes Produkt mit positiver Tourismusgesinnung aller Unternehmer, Mitarbeiter und Einheimischen. Auch die Arbeitsplätze im Tourismus müssen für Einheimische attraktiv bleiben.

Lieber Ewald, vielen Dank für das Interview, Deine Zeit und Deine Arbeit für das Tal. Weiterhin viel Spaß und Erfolg mit Deinen Hotels und den Sagenfestspielen.

Mehr Infos zu den Sagenfestspielen erhaltet Ihr HIER