Wasserreich und steinreich (leider nur im wörtlichen Sinne) war das Montafon schon immer. Wohlhabend wurde es aber erst, als es gelang, die Energie aus dem Wasser zu nutzen.

Manuelle Wassernutzung

Bereits im Mittelalter gab es erste Wasserräder. Teilweise wurden dazu extra Bäche reguliert, gegraben oder umgeleitet, die Mühlbäche.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Energie direkt durch Mühlen, aber auch durch Sägen, Schmiedehämmer, Gips- und Papiermühlen, Ölpressen und Alpbutterrührfässer genutzt. Rund 200 solcher Wassernutzungsanlagen existierten Mitte des 19. Jahrhunderts im Montafon. Noch heute kann man z.B. die Alte Säge am Rasafeibach besichtigen. Sie liegt am Talausgang des Gauertals in Tschagguns und wird noch zum Holz sägen in Betrieb genommen.

Elektrischer Strom

Der nächste große Schritt war die Umwandlung der Wasserenergie in elektrischen Strom. Mit der Möglichkeit, Strom zu nutzen, änderte sich das Leben der Montafoner grundlegend. Elektrische Geräte in Industrie und Privathaushalten, elektrisches Licht und das Telefon setzten sich mit dem Strom durch.

Es dauerte allerdings Jahrzehnte, bis praktisch das ganze Tal an die Stromversorgung angeschlossen war. Einzelne Maisäße haben bis heute keinen elektrischen Strom.

 Rechtliche Rahmenbedingungen

Im 19. Jahrhundert wurde die Wassernutzung u.a. mit dem Vorarlberger Wasserrechtsgesetz auch auf eine Rechtsgrundlage gestellt. Die Wassernutzung bedurfte einer Bewilligung, der Bau eines Wasserkraftwerkes zur Stromerzeugung sogar einer Konzession.

Die Wassernutzungbewilligung wurde zunächst unbefristet, später meist nur noch für 60 Jahre oder kürzer erteilt.

Alle Fotos: Manfred Schlatter

Stromerzeugung im Montafon

In Lorüns wurde 1890 das erste Wasserkraftwerk im Tal errichtet und zunächst von einem Wollverarbeitungsunternehmen, später vom Zementwerk genutzt. 1901 errichtete die Stadt Bludenz in Lorüns ihr eigenes Elektrizitätswerk.

Bereits 1895 wurde von den Gebrüdern Mayer das Litzkraftwerk in Schruns errichtet. 10 Jahre später kaufte die neu gegründete Montafonerbahn das Kraftwerk und nutzte es – neben der öffentlichen Stromversorgung – für den eigenen Bahnstrom der Montafonerbahn von Schruns nach Bludenz. In den 1990er Jahre baute die Montafonerbahn das Kraftwerk praktisch neu. Es nutzt das Gefälle von der Abzweigung Silbertalerstraße/Höllweg bis nach Schruns Ortseingang (Tobelmühle!) für die Stromerzeugung.

Auch in Gargellen gab es früh (ab 1904) Elektrizitätswerke, meist von Hotels wie z.B. Hotel Madrisa, Hotel Heimspitze und Hotel Bachmann betrieben. So breitete sich die Elektrifizierung über kleine Kraftwerke nach und nach im Tal aus. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernahmen die Illwerke die lokalen Kraftwerke, häufig dann, wenn die Wassernutzungsbewilligungen ausgelaufen waren.

Ein großer Schritt in der Elektrifizierung des Montafon und des ganzen Landes Vorarlberg war die Inbetriebnahme des Gampadelswerks im Jahr 1925 in Tschagguns. Aufgrund des konstanten Wasserflusses und des oberhalb in Bitschweil errichteten Speichers konnte das Kraftwerk zuverlässig das ganze Jahr über Strom liefern.

Stromgewinnung im großen Stil

Nachdem sich der politische Wille auf Bundes- und Landesebene zur Ausnutzung der Wasserkraft der Ill durchgesetzt hatte, wurden in den 1920er-Jahren die Vorarlberger Illwerke gegründet. Neben dem Land Vorarlberg war maßgeblich auch die deutsche RWE beteiligt.

Während des nationalsozialistischen Regimes in Österreich nach 1938 wurde der Bau von Silvrettastausee und Vermuntstausee sowie der Staubecken Latschau und Rodund mit den jeweiligen Kraftwerken von der RWE stark forciert. Für die Errichtung der Anlagen wurde auch stark in die Infrastruktur investiert, Straßen und Wege, Bergbahnen, Schrägaufzüge, natürlich die Silvretta-Hochalpenstraße und sogar eine Schmalspurbahn von Tschagguns nach Partenen wurden „nebenher“ gebaut. Der Einsatz von Zwangsarbeitern wie Kriegsgefangenen und zahlreiche schwere Unfälle, auch mit tödlichem Ausgang, sind die negativen Seiten dieser Aufbauära.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg blieb die RWE maßgeblich beteiligt, erst in den 1980er-Jahren konnte das Land Vorarlberg die Illwerke praktisch komplett übernehmen. In diese Zeit fielen insbesondere die Fertigstellung des Lünersees als Stausee mit dem Lünerseewerk in Latschau und der Bau des Kopsstausees mit den Werken Kops I und Kops II in Partenen. Außerdem wurde bei Nenzing das Walgauwerk errichtet, welches das Wasser aus dem Montafon (von Rodund kommend) nochmal zur Stromgewinnung nutzt.

Heutiger Partner der Illwerke in Deutschland ist die EnBW, die zusammen mit den Illwerken den Strom vermarktet. Aktuelle Projekte sind das 2017 fertiggestellte Rellswerk sowie das Obervermuntwerk II. Politisches Ziel in Vorarlberg ist die Energieautonomie, weshalb weitere Kraftwerksprojekte (nicht im Montafon) angeschoben wurden.

Pumpspeicherkraftwerke

Maßgeblich für den wirtschaftlichen Erfolg der Kraftwerke ist die Möglichkeit, mit günstig gekauften Grundlaststrom (Kohlestrom, Atomstrom) aus Deutschland das Wasser wieder in die oberen Stauseen zurückzupumpen. In Spitzenlastzeiten kann dann der Ökostrom aus Wasserkraft wieder teurer an die Abnehmer verkauft werden. Ohne Pumpwerke wären die hohen Investitionen viel weniger rentabel. So benötigen z.B. die natürlichen Zuflüsse am Lünersee rund 5 Jahre, um den See voll zu stauen, der weit überwiegende Stromanteil wird also über hochgepumptes Wasser generiert. Beim Silvrettasee sind es immerhin noch 6 Monate, bis er von den Zuflüssen gefüllt wird. Bei praktisch allen Stauseen wird durch weitere Bauwerke Wasser, z.B. aus Tirol oder vom Brandner Gletscher, in die Seen umgeleitet.

Übersicht über Stauseen, Kraftwerke und Pumpkraftwerke im Montafon

Umweltprobleme trotz Ökostrom

Einerseits hat die Stromerzeugung also Wohlstand ins Tal gebracht. Andererseits bedeuten Kraftwerke, Stauseen, Überlandleitungen und die dafür nötige großräumige Infrastruktur erhebliche Eingriffe in Natur und Umwelt – und gerade in den sensiblen Hochlagen des Tals einen unglaublichen Flächenverbrach. Bisher sind Kraftwerksprojekte wie das Rellstalkraftwerk oder Obervermunt II auch in jüngster Zeit ohne größere Probleme genehmigt worden.

Vor dem Hintergrund der Energiewende und der angestrebten Energieautonomie werden die Pumpspeicherkraftwerke sicher zunächst noch mal wichtiger. Sollte sich aber die dezentrale Stromerzeugung (Photovoltaik & Co) und vor allem die dezentrale Speicherung des Stroms aufgrund von stark verbesserter Batterietechnik oder anderen Speichermöglichkeiten wie Wasserstoff mittelfristig durchsetzen, steht ohnehin in den Sternen, ob sich solche Projekte – gerade auch vor dem Hintergrund gestiegener Umweltauflagen und Entschädigungen an betroffene Grundeigentümer – mit einem Investitionsaufwand von mehreren 100 Mio Euro überhaupt noch rechnen.

Erfolgsgeschichte Wasserkraft?

Insgesamt hat das Tal der Nutzung des Wassers zur Energiegewinnung ebenso seinen Wohlstand zu verdanken wie dem vor 100-150 Jahren aufgekommenen Tourismus, der durch die Infrastruktur der Energieerzeugung seinerseits befeuert wurde. Andererseits sind die massiven Eingriffe in die Natur durch Bauwerke und Infrastrukturmaßnahmen nicht von der Hand zu weisen, das ist gewissermaßen der Preis für den Wohlstand.

Aufgrund des Ausmaßes und der gewachsenen Sensibilität der Bevölkerung in Sachen Natur- und Umweltschutz wird in naher Zukunft sicher genauer zu überlegen sein, welchen Preis das Tal (oder auch die Illwerke dem Tal? – aber das ist eine andere Geschichte) zu zahlen bereit ist. Also Wasserkraft als Erfolgsgeschichte im Montafon auf jeden Fall JA, ob das auch für die Zukunft gilt, ist im Hinblick auf einen noch weiteren Ausbau der Anlagen eher fraglich.

Weiterführende Literatur

Walter Zirker, Oberwasser – Unterwasser. Energie durch Höhendifferenz, in: Montafoner Geschichte, Band 4, S. 136 ff.

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