von Dr. Andreas Brugger

Dieser Aufsatz ist ursprünglich unter dem Titel Skisport – Jagd – Glücksspiel – Frauengeschichten. Hemingway kam nicht nur zum Schreiben ins Montafon im Jahresbericht 2011 der Montafoner Museen, des Heimatschutzvereins Montafon und des Montafon Archivs auf den Seiten 47 bis 52 erschienen. Dort können auch weiterführende Literaturhinweise nachgelesen werden. Der Dank für die Genehmigung des Nachdrucks gilt den Montafoner Museen.

Der Verfasser ist Archivar im Montafon Archiv im Montafoner Heimatmuseum Schruns und hat zahlreiche deutsch- und englischsprachige Publikationen zur Regionalgeschichte sowie zur Ski- und Alpinismusgeschichte verfasst und hält dazu im In- und Ausland Vorträge.

Ernest Hemingway und das Montafon

Als der am 21. Juli 1899 in Oak Park, im US-Bundesstaat Illinois geborene Ernest Hemingway am 20. Dezember 1924 von Paris kommend ins Montafon reiste, war er ein noch relativ unbekannter Journalist, der in eine damals noch weitestgehend unbekannte Wintersportdestination zum Skilaufen kam. In seinem Memoirenbuch Paris – ein Fest fürs Leben erinnerte sich Hemingway kurz vor seinem Tod an die Anreise mit dem Zug zurück, wobei er die Reihenfolge der durchfahrenen Orte leicht durcheinanderbrachte:

„Wir fuhren nach Schruns im Vorarlberg in Österreich. Nachdem man durch die Schweiz gefahren war, kam man bei Feldkirch an die österreichische Grenze. Der Zug fuhr durch Liechtenstein und hielt in Bludenz, wo eine kleine Seitenlinie abging, die an einem steinigen Forellenwasser entlang, durch ein Tal mit Bauernhöfen und Wäldern bis Schruns führte, einer sonnigen Marktstadt mit Sägemühlen, Geschäften, Gasthöfen und einem guten, ganzjährig geöffneten Hotel, das Die Taube hieß, in dem wir wohnten.“

„Wir“ – das waren Ernest, seine Frau Hadley und ihr einjähriger Sohn John, der den Spitznamen „Bumby“ hatte. Dass es in jener Zeit im Montafon nur sehr wenige Touristen gab, beweist die Tatsache, dass Hemingway in einem Brief an Archibald MacLeish schrieb, dass sie in Schruns „die einzigen Fremden“ wären. Mit der Unterkunft war er sehr zufrieden und er beschrieb die Zimmer in Paris – ein Fest fürs Leben als

„groß und behaglich, mit großen Öfen, großen Fenstern und großen Betten und guten Wolldecken und Federbetten. Die Mahlzeiten waren einfach und ausgezeichnet, und der Speisesaal und die holzgetäfelte Gaststube waren gut geheizt und gemütlich.“

Der Hauptgrund, weshalb Hemingway mit seiner Familie im Montafon Urlaub machte, war sein damaliger Geldmangel. Der Aufenthalt in Schruns kostete ihn für die ganze Familie pro Woche gerade einmal zwei Millionen Kronen, was 28.50 US-Dollar entsprach. Durch die galoppierende Inflation war das Leben für Amerikaner in Österreich in jener Zeit somit sehr günstig. Natürlich trug auch die wunderschöne Landschaft dazu bei, dass Hemingway Österreich liebte und den Landesnamen mit „Eastern Kingdom“, also mit „östlichem Königreich“, ins Englische übersetzte. Im ersten Winter blieb er bis zum 14. März 1925 und er kehrte ein Jahr später wieder ins Montafon zurück.

Titelbild: In der Silvretta. (Abb. Landesverband für Fremdenverkehr)

Fakten und Fiktion: Texte über Hemingways Zeit im Montafon

Hemingways Zeit im Montafon ist sehr gut dokumentiert und zwar sowohl in seinen Werken als auch in Publikationen über ihn. In A Moveable Feast (Paris – ein Fest fürs Leben) widmet Hemingway dem Montafon den größten Teil des letzten Kapitels mit dem Titel „There Is Never Any End to Paris“ („Paris hat kein Ende“). In den zwei Kurzgeschichten „An Alpine Idyll“ („Ein Gebirgsidyll“) und „Snows of Kilimanjaro“ („Schnee auf dem Kilimandscharo“) verbringen die Protagonisten einige Zeit beim Skilaufen im Montafon und durchleben gewissermaßen Hemingways eigene Montafon-Erfahrungen. Zusätzlich schrieb er in einigen Briefen, die in der Briefedition von Carlos Baker nachgelesen werden können, über seine Zeit im Montafon und verfasste eine von Taubenwirt Nels in Deutsche übersetzte Theaterkritik, die am 13. Jänner 1926 in der Vorarlberger Landeszeitung abgedruckt wurde.

Carlos Baker hat mit Hemingway. A Life Story (Hemingway, eine Lebensgeschichte) zudem die bekannteste Hemingway-Biografie verfasst, in der das Montafon sogar ausführlicher erwähnt wird wie in der deutschsprachigen Biografie von Hans-Peter Rodenberg. Baker widmete Hemingways zweitem Montafon-Aufenthalt nämlich ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Year of the Avalanches“ („Jahr der Lawinen“). Zudem hat der Journalist und Autor Günther J. Wolf aus Bludenz zwei Bücher über Hemingways Zeit im Montafon geschrieben: das auf Deutsch und Englisch verfasste Paradies ohne Wiederkehr. Hemingway im Montafon und das Buch Silvretta Connection. Schließlich habe ich selbst im Jahr 2009 auf einem internationalen Skihistorikerkongress in Mammoth Lakes (Kalifornien) einen Vortrag mit dem Titel „Skiing in the Montafon of the 1920s with Ernest Hemingway“ („Skilaufen im Montafon der 1920er Jahre mit Ernest Hemingway“) gehalten, der im Tagungsband publiziert wurde und die Grundlage für diesen Aufsatz bildete. Ein Nachdruck des englischen Aufsatzes kann im Jahresbericht 2009 der Montafoner Museen, des Heimatschutzvereins Montafon und des Montafon Archivs nachgelesen werden.

Hemingways Gästebucheintrag im Hotel Taube. (Abb. Landesverband für Fremdenverkehr)

Hemingway-Denkmal in Schruns. (Foto: A.Brugger)

Der Skiläufer Ernest Hemingway

Hanne Egghardt begann ihren kurzen Aufsatz „Eastern Kingdom“ („Östliches Königreich“) über Hemingways Zeit in Österreich mit folgenden Worten:

„Wann immer Ernest sich in einem Sport versucht, bricht etwas an ihm – ein Arm, ein Bein oder sein Kopf, hieß es in Paris, als Hemingway verkündete, er wolle den Winter über in Österreich Ski fahren.“

Diese Befürchtungen sollten sich jedoch nicht bewahrheiten, denn Hemingway überstand seine beiden Montafon-Aufenthalte unbeschadet, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass er 1923 bereits erste Erfahrungen mit dem weißen Sport in der Schweiz und in Cortina d’Ampezzo gemacht hatte und somit kein Anfänger mehr war. Dennoch engagierte er Walther Lent als Skilehrer. Dieser war laut Hemingway „einer der ersten Hochgebirgsskiläufer, der eine Zeitlang [sic] der Partner von Hannes Schneider, dem großen Arlbergskiläufer gewesen war“. Lent war genau der richtige Skilehrer für den jungen, draufgängerischen Hemingway. Seine Methodik wurde in Paris – Ein Fest fürs Leben wie folgt beschrieben:

„Walther Lent fand, daß der Spaß beim Skilaufen darin lag, ins höchste Gebirgsland hinaufzugelangen, wo sonst niemand war, und wo es keine Spuren im Schnee gab, und dann über die höchsten Pässe und Gletscher der Alpen von einer Alpenvereinshütte zur anderen zu laufen.“

Hemingway und Lent verbrachten viel Zeit in der Silvretta und nutzten das Madlenerhaus und die Wiesbadener Hütte als Stützpunkte für ihre Touren. Dabei realisierte der junge Amerikaner recht rasch, dass es weitaus anstrengender war, Berge zu erklimmen als mit Skiern von ihnen abzufahren. Hemingways Kondition verbesserte sich jedoch kontinuierlich und so hielt er Folgendes fest:

„Ein Teil des Anstiegs zum Madlener Haus [sic] war steil und sehr schwierig, aber wenn man zum zweitenmal [sic] dort hinaufstieg, war es leichter, und schließlich schaffte man es mühelos mit dem doppelten Gewicht, das man zuerst getragen hatte.“

Im Februar 1925 verbrachten Ernest und Hadley eine Woche im Madlenerhaus in 2.000 Metern Seehöhe. Um das Gepäck und das Essen für diese Zeit auf die Hütte zu transportieren, hatten sie Träger engagiert, die der Amerikaner in Paris – ein Fest fürs Leben recht humorvoll beschrieb:

„Die Skier der Träger waren kurz, und sie trugen schwere Lasten. Wir wetteiferten miteinander, wer mit den schwersten Lasten steigen konnte, aber niemand konnte sich mit den Trägern messen, untersetzten, mürrischen Bauern, die nur Montafoner Dialekt sprachen und wie Packpferde stetig emporstiegen, und oben, wo man die Alpenvereinshütte auf einer Felsplatte neben dem schneebedeckten Gletscher errichtet hatte, entluden sie sich ihrer Lasten gegen die steinerne Mauer der Hütte, forderten mehr Geld als den vorher abgemachten Preis und schossen, nachdem sie einen Vergleich zustande gebracht hatten, wie Gnome auf ihren kurzen Skiern hinunter und außer Sicht.“

Ernest Hemingway verbesserte seine skiläuferischen Fähigkeiten kontinuierlich und wurde – wie er in einem Brief schrieb – sogar ein Mitglied des örtlichen Skiclubs. Er war sich auch der Risiken des Skisports im Allgemeinen und von Lawinen im Speziellen bewusst. So belehrte er die Leser in Paris – ein Fest fürs Leben, dass „[m]an […] keine Bindung haben [durfte], die einem das Bein brach, wenn man fiel. Der Ski mußte abgehen, ehe er einem das Bein brach.“ Weiters schrieb er über sich und seine Freunde: „Wir wurden zu großen Lawinenforschern, lernten, welche verschiedenen Typen von Lawinen es gibt, wie man sie vermeidet und wie man sich verhält, wenn man in eine hineingerät.“ Im Bewusstsein dieser Gefahren machte er eine Gletschertour in der Silvretta, über die er in einem Brief folgendes schrieb:

„Wir haben gerade eine höllische Gletschertour gemacht – Aufstieg auf Skiern auf 3.200 Meter […]. Jesus, es war kalt. Dann fünf Meilen Abfahrt über die Vorderseite des Gletschers in unter zwölf Minuten. Wundervolles Land. Die Silvretta. Wir gingen direkt über den Grat in die Schweiz. Gestern 21 Kilometer Abfahrt auf Skiern und dann 19 Kilometer Fußmarsch talabwärts von Parthenen [sic] nach Schruns.“

Hemingway war von derartigen Touren begeistert und – um es in den Worten seines Biografen Carlos Baker auszudrücken – er liebte „die magische Kombination von Schnee und Bergen“. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass er in Paris – ein Fest fürs Leben folgenden Satz schrieb: „Wir liebten Vorarlberg, und wir liebten Schruns.“

 

Skilauf im Montafon als Thema in Hemingways Kurzgeschichten

„Schnee auf dem Kilimandscharo”:

Die Hauptfigur in dieser Kurzgeschichte ist ein Schriftsteller namens Harry, der gerade eine Jagdsafari in Ostafrika machte. Eine offene Wunde am Bein verursachte eine Blutvergiftung, weshalb er am Fuße des Kilimandscharo im Sterben lag. Im Angesicht des Todes dachte er über sein Leben und die vielen Dinge nach, über die er etwas schreiben hätte können. Gleich zu Beginn des ersten Fiebertraums erinnerte sich Harry an seine Zeit im Montafon:

„Am Weihnachtstag in Schrunz [sic] war der Schnee so weiß, daß es den Augen weh tat, wenn man aus der Weinstube hinausblickte und die Leute aus der Kirche nach Hause kommen sah. Es war dort, wo sie die von Schlitten geglättete, von Urin gegelbte Straße hinaufgegangen waren, am Fluß entlang mit den steil abfallenden Tannenhängen, die Skier schwer auf der Schulter, und wo sie auf dem Gletscher oberhalb des Madlenerhauses die große Abfahrt machten, wo der Schnee so glatt aussah wie Zuckerguß und so trocken war wie Pulver, und er erinnerte sich an das lautlose Sausen, das die Geschwindigkeit machte, wenn man wie ein Vogel hinunterschoß.“

Harry ist nicht nur einfach Hemingways literarische Schöpfung, sondern er kann als das Alter Ego des Autors betrachtet werden, der Hemingways eigene Erlebnisse durchlebt. Die Parallelen zu Hemingways Zeit im Montafon sind unübersehbar. Harrys Skilehrer in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hieß nämlich ebenso Walther Lent wie jener von Hemingway.

 

„Ein Gebirgsidyll”:

Am Beginn der Kurzgeschichte berichtet der namenlose Erzähler, dass er und sein Freund John

„in der Silvretta einen Monat lang Ski gelaufen [waren]. […] In der Silvretta war das Skilaufen gut gewesen, aber es war eben Frühlingsskilaufen; der Schnee war nur frühmorgens und dann wieder abends gut. Die übrige Zeit wurde er von der Sonne verdorben.“

Einmal mehr wurden Hemingways eigenen Skierlebnisse Teil seines literarischen Werkes.

 

John Dos Passos – ein weniger talentierter Skiläufer als Ernest Hemingway

Im März 1926 besuchten der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos und das befreundete Ehepaar Gerald und Sara Murphy Ernest und Hadley in Schruns. In seinem Werk The Best Times. An Informal Memoir (Die schönen Zeiten – Jahre mit Freunden und Fremden) schrieb Dos Passos zwar nur eine Seite über das Montafon, diese verdeutlicht jedoch, dass er im Montafon eine gute Zeit verbracht hatte und das obwohl er, im Vergleich zu Hemingway, ein schlechter Skifahrer war, wie auch die folgende Episode aus Die schönen Zeiten beweist:

„Bergauf ging’s gut, aber bergab mußte ich eine besondere Technik entwickeln, weil ich ganz einfach nicht lernen konnte, eine Ecke zu nehmen. Im besten Fall konnte ich mich hinwerfen. Wenn die Hänge zu steil wurden, hockte ich mich auf meine Skier und verwandelte sie in eine Art Schlitten. Ich wurde mächtig aufgezogen, als sich bei der Ankunft in Schruns herausstellte, daß ich mir ein Loch in den Hosenboden gescheuert hatte.“

Während Hemingway das Skilaufen liebte und es als laut Carlos Baker als „sehr romantisch“ angesehen hätte, mit Skiern an den Füßen zu sterben, war Dos Passos offensichtlich froh, wenn er diesen Sport nicht ausüben musste. Dennoch erinnerte sich Dos Passos gerne an die Zeit in Schruns und beschrieb den Abschied aus dem Montafon wie folgt: „Wir trennten uns wie gute Brüder und Schwestern.“

 

Hemingway und die Jagd

Die Jagd war zeitlebens eine große Leidenschaft von Ernest Hemingway. Ein Beispiel dafür ist eine Afrikasafari mit seiner zweiten Frau Pauline in den Jahren 1933 und 1934. Dabei schoss er im wahrsten Sinne alles, was vor dem Lauf seines Gewehres auftauchte – egal ob Löwen, Büffel, Großantilopen oder Nashörner. Literarisch arbeitete er seine Erfahrungen im Tatsachenroman Green Hills of Africa (Die grünen Hügel Afrikas) auf, der 1935 erschienen ist. Als Hemingway Mitte der 1920er Jahre im Montafon weilte, kannte er Afrika noch nicht. Sein Interesse für die Jagd war jedoch schon vorhanden. So erwähnt er in Paris – ein Fest fürs Leben einen gewissen Hans, der im Ersten Weltkrieg bei den österreichischen Alpenregimentern gedient hatte und in einer Sagemühle arbeitete. Hemingway freundete sich mit ihm an und bezeichnete ihn als „berühmte[n] Jäger“. Auch Harry, die Hauptfigur in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ erinnert sich in seinem Flashback über das Montafon an einen gewissen Hans und auch hier sind die Parallelen nicht zu übersehen:

„Es waren diegleichen [sic] Österreicher, die sie damals getötet hatten, mit denen er später Ski fuhr. Nein, nicht diegleichen. Hans, mit dem er das ganze Jahr lang Ski gelaufen war, hatte bei den Kaiserjägern gestanden, und wenn sie zusammen auf Hasenjagd gingen, das kleine Tal hinauf, oberhalb der Sägemühle, so hatten sie über die Gefechte auf dem Pasubio und über den Angriff auf Pertica und Asalone gesprochen […]“

Mit dem Tal war das Gauertal in Tschagguns gemeint, das an anderer Stelle namentlich genannt wurde.

 

Glücksspiel und Alkohol – Hemingway war in der Tat kein Kind von Traurigkeit

„Wir tranken zusammen, und wir sangen alle zusammen Gebirgslieder.” Mit diesen Worten erinnerte sich Ernest Hemingway im Buch Paris – ein Fest fürs Leben, das er zwischen 1957 und 1960 verfasste, an seine Zeit im Montafon zurück. Es ist daher auch keine große Überraschung, dass Hemingway Mitte der 1920er Jahre in vielen Gasthäusern des Montafons bekannt war. Sein Ruf eilte ihm gewissermaßen voraus:

„Im Winter in Schruns trug ich einen Bart wegen der Sonne, die mein Gesicht im hohen Schnee so arg verbrannte, und gab auch nichts aufs Haarschneiden. Eines Abends spät, als wir auf Skiern die Holzfällerfährte runterliefen, erzählte mir Herr Lent, daß manche Bauern, denen ich unterwegs auf den Wegen oberhalb von Schruns begegnete, mich den ,Schwarzen Christus’ nannten. Er sagte, daß manche, wenn sie in die Weinstube kamen, mich den ‚schwarzen, Kirsch-trinkenden Christus’ nannten. Aber für die Bauern an dem jenseitigen oberen Ende des Montafon, wo wir die Träger anheuerten, um zum Madlener Haus aufzusteigen, waren wir alle fremdländische Teufel, die ins Hochgebirge gingen, wenn man ihm fernbleiben sollte. Daß wir vor Tageslicht aufbrachen, um nicht an Lawinenstellen zu geraten, wenn die Sonne sie gefährlich machen konnte, sprach auch nicht zu unseren Gunsten. Es bewies nur, daß wir arglistig waren wie alle fremdländischen Teufel.“

Es scheint als wäre Hemingway auf den Spitznamen und auf seinen verwegenen Ruf stolz gewesen. Es passt daher auch gut ins Bild, dass er in der 500-Jahr-Festschrift des Gasthofs Löwen in Tschagguns – nicht ganz unpassend – als Mann „mit Löwen-Kräften“ beschrieben wurde. Seine Pokerabende haben bestimmt auch nicht dazu beigetragen, sein verwegenes Image abzuschwächen, zumal es um hohe Einsätze ging:

„Ein- oder zweimal in der Woche spielte man im Speisesaal des Hotels [Taube] bei geschlossenen Fensterläden und verriegelter Tür Poker. Damals waren Glücksspiele in Österreich verboten, und ich spielte mit Herrn Nels, dem Hotelbesitzer, Herrn Lent von der alpinen Skischule, einem Bankier aus dem Ort, dem Gerichtsvollzieher und dem Gendarmeriehauptmann. Es war ein hartes Spiel, und alle waren gute Pokerspieler, nur Herr Lent spielte zu wild drauflos, weil die Skischule kein Geld einbrachte. Der Gendarmeriehauptmann hob den Finger ans Ohr, wenn er die beiden Gendarmen hörte, wenn sie auf ihrer Runde vor der Tür stehenblieben und [wir] waren still, bis sie weitergingen.“

Es ist in diesem Zusammenhang wohl keine große Überraschung, dass auch Harry in „Schnee auf dem Kilimandscharo“ von Pokerrunden im Madlenerhaus schreibt und sich „an den Kirschkerngeschmack von gutem Kirsch“ erinnert.

Ernest Hemingway (2. v. li.) beim Skilaufen. (Foto: Landesverband für Fremdenverkehr)

Das Hotel Taube in Schruns. (Abb. Landesverband für Fremdenverkehr)

Ein Mann – zwei Frauen: Der Anfang vom Ende von Hemingways erster Ehe

Im Winter 1924/25 waren Ernest, Hadley und „Bumby“ eine glückliche Familie. Sie gingen Ski laufen oder spielten Bowling und Billard. Hadley hatte ein Piano in ihrem Zimmer, auf dem sie Bach und Haydn spielte. Weiters strickte sie Pullover für ihren Mann und ihren Sohn. Am 20. Jänner 1925 berichtete Hemingway Getrude Stein in einem Brief, dass es ihnen allen gut gehe. Goddy, so nannte er seinen Sohn in diesem Brief, habe ein wundervolles Kindermädchen namens Mathilda und würde schon im Montafoner Dialekt sprechen. Am Ende des Briefes schrieb er: „Goddy ist in seinem wollenen Anzug der König von Schruns. Wir verbringen eine schöne Zeit und sparen Geld.“ Die junge Familie war also glücklich. Dies änderte sich im zweiten Winter im Montafon drastisch. Alles begann mit einem harmlosen Satz in einem Brief an F. Scott Fitzgerald: „Morgen kommt Pauline Pfeifer hierher, um über Weihnachten und Neujahr zu bleiben.“ Pauline war vier Jahre älter als Ernest und arbeitete als Modekorrespondentin und teilweise auch als Model für die Pariser Redaktion der Vogue. Und sie war am jungen Ernest interessiert. Alles begann recht harmlos. Michael Reynolds, der ein Buch über die Pariser Jahre von Hemingway schrieb, hielt darin fest, dass Hadley und Pauline anfangs wie Schwestern waren. Sie kleideten sich gleich und hatten viel Spaß miteinander. Ernest war ihr Beschützer und auch ihr Skilehrer und wenn er die Arme um Pauline legte, um ihr zu zeigen, wie sie auf Skiern das Gewicht verlagern musste, dann waren dies laut Reynolds „brüderliche Arme“. Dies sollte sich jedoch rasch ändern. Reynolds geht dabei mit den Beteiligten hart ins Gericht. Hemingway sei wörtlich „ein romantischer Narr“ und Hadley viel zu passiv gewesen, was Pauline zu ihren Gunsten ausgenutzt habe. Carlos Baker beurteilte Hemingways Situation nach dessen Rückkehr nach Paris mit drastischen Worten: „[k]eine alpine Lawine, die sich mit den Sturmfluten des Frühlings loszureißen drohte […] war potentiell desaströser als Hemingways Situation zu Ostern 1926 in Paris“. Im Zusammenhang mit Hemingways erster Ehefrau Hadley ist auch auf den neuen Roman Madame Hemingway, im englischen Original The Paris Wife, von Paula McLain zu verweisen, in dem Hemingways Pariser Zeit aus Hadleys Sicht erzählt wird. Drei Kapitel darin handeln von der Zeit im Montafon. Der Roman ist fiktiv, bei den Beschreibungen der Landschaft, der Skitouren und der einzelnen Personen, wie etwa von Skilehrer Walther Lent, fällt jedoch auf, dass sich McLain sehr stark an Hemingways Ausführungen in Paris – ein Fest fürs Leben orientierte. So lässt McLain Hadley mit folgenden Worten an die Skierlebnisse im Montafon zurückdenken:

„Wochenlang gab es nichts als die reine, weiße, vorhersehbare Frische des Schnees. Wir wanderten stundenlang den Berg hinauf, denn wir wollten ganz oben sein, wo niemand anderes war und es nirgendwo Spuren oder sonstige Erinnerungen an irgendjemand anderes [sic] gab.“

Das literarische Schaffen Hemingways während seiner Zeit im Montafon

Hemingway schrieb nicht nur über das Montafon, er schrieb auch im Montafon. Allerdings waren die beiden Winter bezüglich ihrer Produktivität recht unterschiedlich. Michael Reynolds hielt fest, dass Hemingway im ersten Winter nicht sehr fleißig war. Laut Reynolds produzierte Hemingway nämlich nie viel Literarisches, wenn er eine größere Zahl an Briefen schrieb. Im ersten Winter in Schruns versandte er 33 Briefe und entsprechend mager war die literarische Ausbeute: die Kurzgeschichte „Banal Story“ („Eine banale Geschichte“), die nicht ganz zwei Seiten umfasst, und einen Essay für eine Zeitschrift. Anders gestaltete sich Hemingways zweiter Winter im Montafon. In jenem war er nämlich äußerst produktiv, weshalb er das Montafon diesbezüglich in guter Erinnerung behielt:

„Schruns war ein guter Platz zum Arbeiten. Ich weiß es, denn dort hatte ich im Winter 1925/26 das Schwierigste an Umschreiben vor, das ich je gemacht habe, als ich die erste Fassung von Fiesta, die ich in einem Lauf in sechs Wochen geschrieben hatte, zu einem Roman umarbeitete. Ich kann mich nicht erinnern, welche short stories ich dort schrieb. Aber es waren mehrere, die gut ausfielen.“

Mit dem Roman Fiesta schaffte er den Durchbruch als Schriftsteller. Es war der Beginn einer Weltkarriere, die 1954 durch die Verleihung des Literaturnobelpreises gekrönt werden sollte.

Resümee

Abschließend kann festgehalten werden, dass Ernest Hemingway im Montafon eine abwechslungsreiche und intensive Zeit verbracht hat. Er konnte viele seiner Leidenschaften, wie den Skisport, die Jagd und das Glückspiel, ausleben und auch seine Vorliebe für Frauen kam keineswegs zu kurz. Der Umstand, dass Hemingway mit der Überarbeitung des Romans Fiesta im Montafon seinen Durchbruch einleitete, wird in den meisten Hemingway-Biografien bedauerlicherweise vernachlässigt. Bezüglich der Wahrnehmung Hemingways im Montafon im Wandel der Zeit sei auf meinen Essay „,Wir liebten Vorarlberg und wir liebten Schruns!‘ Ernest Hemingway liebte das Montafon – aber liebt(e) das Montafon Ernest Hemingway?“ im Jahresbericht 2011 der Montafoner Museen, des Heimatschutzvereins Montafon und des Montafon Archivs verwiesen.