Die Natura 2000 Gebiete Verwall und Wiegensee stellen sich vor


Hallo Christian, kannst Du uns erklären, was Natura 2000 bedeutet? 

Natura 2000 ist ein europaweites Schutzgebietsnetzwerk, welches den Erhalt seltener und gefährdeter Arten und Lebens­räume in Europa gewährleisten soll. Rechtliche Grundlage hierfür sind die Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (kurz FFH-Richtlinie) und die Vogelschutzrichtlinie, in denen diese Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräume aufgelistet sind. Jedes Mitgliedsland, also auch ­Österreich, hatte mit dem Beitritt zur EU die Verpflichtung, für diese Arten bzw. Lebensräume repräsentative Schutzgebiete, so genannte Natura 2000 Gebiete, auszuweisen. 18% der Landfläche der Europäischen Union genießen den Schutz von Natura 2000, in Österreich sind es mit über 219 nominierten Gebieten ca. 15%. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind zum Teil beträchtlich, in ­Vorarlberg sind derzeit 8,1% der Landesfläche Natura 2000 Gebiete, im Burgenland hingegen über 27%!

Und was ist ein Europaschutzgebiet?

In Österreich werden Natura 2000 Gebiete auch als Europaschutzgebiete bezeichnet. In Vorarlberg gibt es übrigens 23 Europaschutzgebiete, wobei Ende letzten Jahres 17 neue Gebiete nominiert wurden, die derzeit von der EU noch bestätigt werden müssen.

Was für Europaschutzgebiete findet man im Montafon?

Im Montafon liegt das bei weitem größte Europaschutzgebiet Vorarlbergs – das Verwall mit knapp über 120 km². Man stelle sich vor, das sind immerhin über 4 % der Landesfläche, die als zusammenhängendes Schutzgebiet ausgewiesen wurden. Allein die Größe dieses Naturraumes und Schutzgebiets ist damit einzigartig in Vorarlberg. Daneben gibt es noch deutlich kleinere, aber nicht minder bedeutende Schutzgebiete: Die Schuttfluren Tafamunt (68 ha) und der Wiegensee (64 ha), die sich beide in der Gemeinde Gaschurn befinden.

Mit der Ratifizierung der neuen Schutzgebiete kommen mit Gortniel, Spona, Roßbündta und Rifa (jeweils zw. 12 und 25 ha) vier kleine Schutzgebiete in St. Gallenkirch und Gaschurn dazu, die aufgrund des Vorkommens seltener Waldlebensräume (besondere Buchenwaldtypen sowie Ahorn-Eschen-Linden-Hangwälder) nominiert wurden. Nicht zu vergessen sind die kalkhaltigen, artenreichen Schuttfluren der Davenna oberhalb von St. Anton und Bartholomäberg!

Interview mit Mag. Christian Kuehs, Gebietsbetreuer der Natura 2000 Gebiete Verwall, Wiegensee und Klostertaler Bergwälder und Geschäftsführer des Naturschutzvereins Verwall – Klostertaler Bergwälder .
Im Bild: Blick von Alpgues Richtung Gaflunatal.
(Alle Fotos: © Naturschutzverein Verwall-Klostertaler Bergwälder 2016)
Überlebenskünstler des  Hochmoors: Der Sonnentaunser.
Moosbeere.

Warum wurde der Wiegensee als eigenes Europaschutzgebiet nominiert?

Der Wiegensee und seine unmittelbar umliegenden Bereiche sind Teil einer einzigartigen Moorlandschaft von internationaler Bedeutung. Wir finden hier zahlreiche Ausprägungen und Entwicklungsstufen eines solchen Moorkomplexes, angefangen bei den Gebirgsseen und Latschenmoorwäldern über Nieder- und Zwischenmoore bis hin zu den eigent­lichen Hochmooren, die nur von wenigen, spezialisierten Pflanzen- und Moosarten, wie beispielsweise den Torfmoosen, dem Sonnentau und der Moosbeere, besiedelt werden können. Eine Besonderheit stellen die so genannten Schwingrasen dar, die sich ausgehend von den Rändern langsam über den Wiegensee ausbreiten. Es handelt sich dabei um eine scheinbar frei auf der Wasseroberfläche schwimmende Pflanzen­decke, die eine stauende Wirkung auf den Wasserkörper des Wiegensees ausübt. Der Wiegensee kann dadurch wohl als der älteste, natürliche Stausee im Montafon bezeichnet werden. Die Schwingrasen sorgen zudem für eine zunehmende, natürliche Verlandung des Sees und sind – ebenso wie die Torfmoose der Hochmoore – gegenüber Trittbelastung äußerst empfindlich. Aus diesem Grund besteht am Wiegensee ein Wegegebot und auch das Baden im See ist zum Schutz des Wasserkörpers und seiner Uferbereiche nicht gestattet.

Worin liegen die Besonderheiten des Europaschutzgebietes Verwall?

Das Europaschutzgebiet Verwall erstreckt sich vom Wiegensee in Partenen bis zum Nenzigasttal in Klösterle und beinhaltet eine Vielzahl an natürlichen und naturnahen Gebirgslebensräumen. So finden wir im Gebiet zahlreiche Gebirgsseen und Hochmoorlandschaften, hochmontane Fichtenwälder und Lärchen-Zirbenwälder, ausgedehnte Alpenrosen- und Latschengebüsche sowie alpine Rasen und Felslebensräume in den Gipfelregionen. Die Diversität an Lebensräumen sowie die Größe des Gebietes sorgen dafür, dass hier zahlreiche Wildtiere ungestörte Rückzugsräume finden können. Der Nachweis einiger gefährdeter Gebirgsvögel war dabei ausschlaggebend für die Nominierung als Europaschutzgebiet. So besiedeln alle vier heimischen Raufußhuhn-Arten, das Birk-, das Hasel, das Alpenschnee- und das Auerhuhn, ausgewählte Wälder und Bergkämme des Schutzgebietes. Dabei war das Vorkommen einiger dieser Arten, wie das des Auerhuhns, ursprünglich nicht ausschließlich auf die entlegensten Gebirgslebensräume beschränkt.

So konnte das Auerhuhn bis in die 1980er Jahre noch im Pfändergebiet nachgewiesen werden. Und auch das Birkhuhn war bis in die Riedflächen des unteren Rheintals verbreitet. Ein erhöhter Nutzungsdruck hat aber schließlich dazu geführt, dass diese Arten auf einige wenige Gebiete zurückgedrängt wurden. Durch weitere Erschließungen der Berglandschaft sowie übermäßige Störungen auch durch den Freizeitsport sind manche dieser Restbestände immer noch gefährdet – das trifft insbesondere auf das Auerhuhn zu. Für das Schutzgebietsmanagement bedeutet dies, dass Nutzungen und Störungen auf die weniger sensiblen Bereiche eines Gebietes gelenkt werden.

Bereich Obere Bludenzer Alpe Kloesterletafon.
Gebietsführer Verwall-Wiegensee.

Heißt das, dass jegliche Nutzung vollkommen verboten ist?

Nein, gemäß FFH-Richtlinie ist „die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu fördern, wobei jedoch die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und regionalen Anforderungen berücksichtigt werden sollen“. So ist beispielsweise auch die Weiterführung der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung prinzipiell nicht untersagt, in sensiblen Bereichen werden diese Nutzungen aber mittels Managementplänen auf die Bedürfnisse des Schutzguts bestmöglich abgestimmt – so z.B. durch die Verlegung der Holznutzung auf einen Zeitraum nach der Brut- und Balzzeit im Hochsommer und Herbst. Gerade Arten des Kulturlandes sind sogar auf extensiv bewirtschaftete Lebensräume angewiesen – hier kommt es aber immer auf die Intensität der Bewirtschaftung an, die in den letzten Jahrzehnten tendenziell eher zugenommen hat.

Auch im Bereich des Winter- und Sommerfreizeitsports hat es in den letzten Jahren größere Veränderungen gegeben. Sportarten wie Skitourengehen und Freeriden sowie Mountainbiken und Klettern haben stark an Popularität zugenommen, sorgen damit aber auch für ein größeres Störungspotenzial in sensiblen Ruhegebieten. Auch hier soll die Nutzung natürlich nicht vollkommen untersagt werden, immerhin ist es ja zu begrüßen, dass sich immer mehr Menschen für unseren Naturraum interessieren und diesen auch erleben und erhalten möchten! Dieser Aspekt darf sicher nicht außer Acht gelassen werden. Somit geht es auch hier vorrangig darum, die Nutzungen bestmöglich zu kanalisieren. Das funktioniert aber selbstverständlich nur dann, wenn auch der oder die Freizeitsportlerin Verständnis zeigt und bestimmte Grenzen respektiert. Natur möchte so authentisch wie möglich erlebt werden, für deren Erhalt sind wir aber alle gleichermaßen verantwortlich!

Welche Aufgaben erfüllt ein Schutzgebietsbetreuer?

Der oder die Schutzgebietsbetreuerin ist die erste Ansprechperson im Gebiet in Sachen Natura 2000 und Naturschutz. Sie sorgt für die fachgerechte Umsetzung der erarbeiteten Managementpläne im Gebiet und koordiniert Maßnahmen im Bereich der Besucherlenkung und des Monitorings.

Weshalb wurde der Naturschutzverein Verwall-Klostertaler Bergwälder gegründet und was sind seine Aufgaben?

Für das Management der Europaschutzgebiete Verwall, Wiegensee und Klostertaler Bergwälder wurde eigens ein Naturschutzverein gegründet, der sich – neben der eigentlichen Gebietsbetreuung – auch mit Aufgaben der Kommunikation, Information und Bildung beschäftigt. Ziel ist es, die Akzeptanz von Natura 2000 zu steigern und die Bewohner der Region für Themen des Naturschutzes weiter zu sensibilisieren. Die Durchführung von Exkursionen, die Beratung von Gemeinden sowie Fortbildungen für Mitarbeitende örtlicher Tourismusbüros sowie für ­Wander- und Bergführer sind dabei wichtige Aufgabenbereiche des Vereins.

Wiegensee.

Wo bekommen Einheimische und Gäste weitere Informationen über das Gebiet?

Für die Europaschutzgebiete Verwall, Wiegensee und Klostertaler Bergwälder gibt es Gebietsbooklets, die in den örtlichen Tourismusbüros zur freien Entnahme aufliegen. Zusätzliche Informationen über das Europaschutzgebiet Verwall findet man auf www.naturvielfalt.at/de/verwall, mit Angabe der Exkursionstermine sowie einem Download-Link für den Gebietsführer Verwall & Wiegensee. Dieses 100-Seiten starke Druckwerk kann ebenfalls in den Tourismusbüros oder beim Stand Montafon gegen eine kleine Schutzgebühr erworben werden.

Lieber Christian, vielen Dank für Deine Zeit und das sehr interessante Interview!

Für einen direkten Kontakt mit dem Gebietsbetreuer und Geschäftsführer des Naturschutzvereins Verwall – Klostertaler Bergwälder, Mag. Christian Kuehs, schreibt bitte an folgende E-Mail ­Adresse: verwall@natura2000.or.at