Interview zu Aufgaben und aktuellen Projekten der ASFINAG mit Stefan Siegele, Geschäftsführer der Alpenstraßen GmbH bei der ASFINAG und zuständig für Tirol und Vorarlberg.

Lieber Herr Siegele, den Einheimischen ist die ASFINAG ein Begriff, unseren vielen Gästen aber meist nicht. Für was steht ASFINAG und was sind ihre Aufgaben?
Die Autobahnen- und Schnellstraßen Finanzierungs AG – kurz ASFINAG – ist der österreichische Betreiber aller Autobahnen und Schnellstraßen. Wir sind Ihr verlässlicher Partner auf Österreichs Autobahnen und Schnellstraßen. Die ASFINAG wurde 1982 gegründet und ist eine Gesellschaft des Bundes. Unsere Aufgaben: Wir planen, finanzieren, bauen, erhalten, betreiben und bemauten 2.200 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen. Dafür sorgen wir täglich mit unseren 2.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

….und dafür erhält die ASFINAG die Einnahmen aus der Vignette und der LKW-Maut? Über welche Beträge reden wir hier und wie viel davon kommt im Straßenbau und -unterhalt an?
Besonders wichtig: Wir heben Mauten und Benutzungsgebühren ein, um damit unsere Aufgaben zu finanzieren. Das heißt im Klartext: Es gibt keine weiteren Zuschüsse aus dem Staatsbudget und wir wirtschaften aus eigener Kraft. Wir investieren die Mauteinnahmen wieder direkt in die Infrastruktur – für noch mehr Sicherheit. Mit dem Einsatz neuer Technologien und Innovationen wollen wir Österreichs Autobahnen und Schnellstraßen zu den sichersten in Europa machen. Bei Erlösen von knapp zwei Milliarden Euro reinvestieren wir jedes Jahr über eine Milliarde Euro in die österreichische Infrastruktur. Das macht uns zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor, da wir mit diesen Investitionen 10.000 Arbeitsplätze schaffen und sichern. Jeder zweite Euro fließt direkt oder indirekt in die Erhöhung der Verkehrssicherheit etwa durch den Bau zweiter Tunnelröhren wie beim Pfändertunnel. 43 Autobahnmeistereien sorgen rund um die Uhr dafür, dass wir alle sicher und komfortabel ankommen. Allein für den Betrieb sowie für alle notwendigen Einrichtungen zur Bemautung stehen jährlich über 450 Millionen Euro bereit.

Wie sehen die Zahlen für unser Bundesland Vorarlberg aus?
In Vorarlberg sind die Mitarbeiter an den Autobahnmeistereien Hohenems und St. Jakob im Einsatz, um die A 14 Rheintal/Walgau Autobahn sowie die S 16 Arlberg Schnellstraßen zu betreuen. In Hohenems betreibt die ASFINAG darüber hinaus eine Verkehrsmanagementzentrale, die unter anderem sämtliche Tunnel Vorarlbergs hinsichtlich Verkehrssicherheit und mögliche notwendige Maßnahmen überwacht. Bis 2023 investiert die ASFINAG allein in Vorarlberg über 270 Millionen Euro in die Verbesserung der Infrastruktur im Ländle – bis 2019 sind das allein schon über 100 Millionen Euro.

Sie bauen ja nicht nur Straßen, sie unterhalten ja vor allem auch das bestehende Netz. Wie viel % Ihres Budgets gehen in den Neu- oder Ausbau, wie viel in den Erhalt?
Über 40 Prozent der Erlöse fließen in den Bau, in die Sanierung und in sonstige Investitionen auf dem Streckennetz. Für den Erhalt und die Bemautung werden rund 20 Prozent der Erlöse aufgewendet.

Titelbild: Die neue Digitale Vignette ist hervorragend angekommen und ergänzt seit Ende 2017 das Mautangebot der ASFINAG. (Foto: ASFINAG)
Stefan Siegele, Geschäftsführer der Alpenstraßen GmbH bei der ASFINAG.
Jeder zweite Euro der ASFINAG fließt direkt oder indirekt in die Erhöhung der Verkehrssicherheit etwa durch den Bau zweiter Tunnelröhren wie beim Pfändertunnel. (Foto: ASFINAG)

Gerade Tunnels wie der Pfänder- und Ambergtunnel, die wir auf der Fahrt ins Montafon durchqueren, sind im Unterhalt ja sehr aufwendig. Wie viele Mitarbeiter haben Sie in Vorarlberg beschäftigt und wie viele davon sind tatsächlich in „Orange“ auf der Straße anzutreffen?
In den Autobahnmeistereien Hohenems und St. Jakob sind in etwa 50 Mitarbeitern direkt mit dem „Dienst auf der Straße“ beschäftigt – vom Winterdienst über Müll aufsammeln bis zum Grünschnitt. Darüber hinaus sorgen Elektriker dafür, dass die Anlagen gewartet werden. Dazu kommen noch 12 Mitarbeiter in der Überwachungszentrale Hohenems. Weitere Mitarbeiter sind noch bei den Tochtergesellschaften der ASFINAG Bau Management GmbH, der Holding sowie der Maut Service GmbH direkt mit und in Vorarlberg beschäftigt.

Sind Sie mit dem Konstrukt der ASFINAG als eigenes Unternehmen gut gefahren und würden Sie das anderen Ländern auch empfehlen? Was sind die Vor- und Nachteile?
Die ASFINAG ist durch ihre reine Nutzerfinanzierung gerade in der Vergangenheit zu einem Best-Practice-Modell geworden. Speziell in Deutschland, aber auch in anderen Ländern wurde schon desöfteren über eine „eigene ASFINAG“ nachgedacht. Die Vorteile: der Betrieb und der Neubau wird einzig und allein über die Mauterlöse finanziert – weitere Zuschüsse aus anderen Budgettöpfen sind somit nicht notwendig. Das Modell ASFINAG kann somit rasch auf Veränderungen auf dem Markt reagieren, kann bei Bedarf mittelfristige Bauprogramme auf veränderte Erlöse abstimmen (wie etwa 2008/2009 bei der damaligen Wirtschaftskrise) und ist durch die jeweiligen Standorte und Vertretungen in direktem Kontakt mit Ländern, Städten und Gemeinden: nur so kann auf deren Bedürfnisse zielgenau und effektiv eingegangen werden. Einfach gesagt: die ASFINAG baut das, was Mensch und Wirtschaft benötigen, die Umwelt verträgt und leistbar ist. Durch einen wirtschaftlich umsichtigen Kurs ist auch in naher Zukunft ein verantwortungsvoller Ausbau der Infrastruktur in Österreich gesichert.

Wie kommt die digitale Vignette an, die wir sehr schätzen? Welchen Anteil am Verkauf hat sie erreicht seit dem Start dieses Jahr?
Die neue Digitale Vignette ist hervorragend angekommen und ergänzt seit Ende 2017 das Mautangebot der ASFINAG. Erstmals können Kundinnen und Kunden rund um die Uhr und ortsunabhängig die Vignette in allen drei Modellen (Jahres-, Zwei-Monats- und Zehn-Tages-Vignette) erwerben. Bislang wurden über 1,3 Millionen Stück verkauft – somit ist bereits mehr als jede dritte Jahresvignette digital (Hinweis: pro Jahr setzt die ASFINAG etwas über vier Millionen Jahresvignetten ab).

In den Autobahnmeistereien Hohenems und St. Jakob sind in etwa 50 Mitarbeitern direkt mit dem „Dienst auf der Straße“ beschäftigt – vom Winterdienst über Müll aufsammeln bis zum Grünschnitt oder Tunnelreinigung.(Foto: ASFINAG)

Für uns im Montafon sowie für das ganze Land Vorarlberg war die vor Jahren eröffnete zweite Röhre des Pfändertunnels sicher eine riesige Erleichterung. Was sind die aktuellen Projekte der ASFINAG, die uns helfen, das Montafon sicher und schneller zu erreichen?
Insgesamt 110 Millionen Euro investiert die ASFINAG 2018 und 2019 in den Ausbau, die Sanierung und den Neubau des hochrangigen Straßennetzes in Vorarlberg. Die Ziele: Mehr Verkehrssicherheit, größtmögliche Verkehrsentlastung, weniger Stau und optimale Möglichkeiten zur Entfaltung der regionalen Wirtschaftsräume. Auf der S 16 Arlberg Schnellstraße soll speziell im Winter die Verkehrssituation rund um Bludenz verbessert werden. Vorarlberg ist speziell im Winter ein wichtiger Tourismus-Player. Deswegen ist der Winterreiseverkehr mit den neuralgischen Punkten im Bereich Bludenz und des Klostertals im Fokus. Zur Reduktion der regelmäßigen Staus werden auf der S 16 zusätzliche Fahrspuren errichtet, um Staus im Urlauber-Schichtwechsel zu reduzieren. Kernelement bilden kleinräumige Fahrspurzulegungen von der Anschlussstelle Bludenz-Montafon bis Glasbühel sowie vom Dalaaser Tunnel bis zur Franzensbrücke. Dafür investiert die ASFINAG 37 Millionen Euro unter anderem in eine 3,5 Kilometer lange zusätzliche Fahrspur im Bereich Bludenz sowie in eine 1,9 Kilometer lange Fahrspur im Bereich Dalaas.

Der Langener Tunnel erhält ab April ein umfassendes Sicherheitslifting. Das beinhaltet: neue elektrotechnische Ausstattung im kompletten Tunnel inklusive eines neuen Betriebsgebäudes, automatische Höhenkontrolle, neuen Brandschutz und eine Sanierung der Tunnelbeschichtung. 2018 sind in der Südröhre (also die Richtungsfahrbahn Tirol) von April bis November insgesamt 110 Nachtsperren vorgesehen. Das bedeutet: von 20 bis 6 Uhr wird der Verkehr in Richtung Tirol an der Anschlussstelle Wald über die Ortsgebiete von Wald und Klösterle bis zur Anschlussstelle Langen umgeleitet. Speziell in den Abendstunden kommt es zu mehr Verkehr in den Ortsgebieten. Für einen möglichst optimalen Lärmschutz während der Arbeiten hat die ASFINAG Einhausungen der Portalbereiche geplant. Der dort notwenige Abtrag des Betons erfolgt durch Hochwasserdruck-Strahlen. Wo es technisch möglich ist, hat die ASFINAG diese lärmintensiveren Arbeiten in den Tag verlegt. Während des Tages wird der Verkehr durch beide Röhren geführt. 2019 ist dann die Nordröhre (Fahrtrichtung Bregenz) an der Reihe. Hier sind jedoch keine weiteren Umleitungen durch die Ortsgebiete mehr notwendig. (Investition: 19 Millionen Euro)

Seit 2017 laufen bereits die Arbeiten zum Sicherheitsausbau des Ambergtunnels. Nachdem im Vorjahr sämtliche elektrotechnischen Anlagen im Tunnel erneuert wurden, optimiert die ASFINAG 2018 noch die Löschwasserversorgung, die Entwässerung und den Gewässerschutz. Die Abschlussarbeiten dauern von Juli 2018 bis Dezember 2018. Während der Bauarbeiten stehen die Tunnelröhren unter Tags ohne Einschränkung für den Verkehr zur Verfügung. Lediglich in der Nacht wird jeweils eine Fahrspur für den Verkehr gesperrt. (Investition: 20 Millionen Euro).

Mehr Verkehrssicherheit und weniger Stau – das sind die Ziele der ASFINAG, des Landes Vorarlberg und der Gemeinde Bürs mit dem geplanten Umbau der Anschlussstelle Bludenz-Bürs. (Visualisierung: Architekt DI Martin Wakonig ZT-GmbH | Luftbild Datenquelle: Land Vorarlberg – data.vorarlberg.gv.at)

Was ist bei der Anschlussstelle Bludenz-Bürs geplant und wann soll das realisiert werden?
Mehr Verkehrssicherheit und weniger Stau – das sind die Ziele der ASFINAG, des Landes Vorarlberg und der Gemeinde Bürs mit dem geplanten Umbau der Anschlussstelle Bludenz-Bürs. Insgesamt werden 22 Millionen Euro in die neue Anschlussstelle investiert. Die Eckpfeiler: Errichtung eines Großkreisels über der A 14 Rheintal/Walgau Autobahn sowie Bau von zwei Anbindungen an das bestehende Landesstraßen-Netz. (Baustart: 2017 / Fertigstellung: Ende 2021 / Investition: 22 Millionen Euro)

Letzte Frage vor dem Hintergrund der Schweizer Gäste, die uns im Montafon immer mehr besuchen: Wie siehts denn mit der Realisierung des sehr alten Projekts einer Autobahnverbindung Vorarlberg – Schweiz aus?
Die fehlende hochrangige Verbindung zwischen Österreich und der Schweiz ist das größte Planungsprojekt der ASFINAG im Westen. Die S 18 Bodensee Schnellstraße ist so konzipiert, das sie als hochrangige Verbindung in die Schweiz Verkehrsentlastung für das gesamte untere Rheintal mit sich bringen wird.

Die Kosten für die geplante S 18 Bodensee Schnellstraße werden derzeit auf 530 bis 900 Millionen Euro – je nach Ausführungsvariante – geschätzt.

Zwei Varianten haben sich aus dem Planungsprozess „Mobil im Rheintal“ herauskristallisiert:
• Alternative Z: 7,5 Kilometer (Ried-querende Straßenverbindung)
• Alternative CP: 8,6 Kilometer (Ostumfahrung von Lustenau)

Im Jänner 2017 wurden mit der Änderung des Bundesstraßengesetzes die rechtlichen Voraussetzungen für das Projekt geschaffen. Damit gibt es einen grundsätzlichen Auftrag des Gesetzgebers an die Bundesstraßenverwaltung zur Realisierung dieser Netzveränderung. Die neue S 18 wird nicht nur das untere Rheintal vom Verkehr entlasten, sondern auch die Situation grenzüberschreitend in der Schweiz verbessern.

2018 werden im sensiblen Naturgebiet weitere umfassende Grundlagenforschungen durchgeführt. So sind unter anderem 180 Bohrungen geplant, um die Beschaffenheit des Bodens genauestens abzubilden. Darüber hinaus erfasst die ASFINAG Daten zu Klima, Luft, Verkehr sowie zu Pflanzen- und Tierwelt – als möglichst aktuelle Basis für die Trassenentscheidung. Die ASFINAG geht davon aus, dass dies 2020 soweit sein wird. (Trassenentscheidung: 2020 / Investition: 530 bis 900 Millionen Euro)

Vielen Dank für Ihre offenen Antworten und Ihre Arbeit für unsere Mobilität. Wir kommen in ein bis zwei Jahren gerne wieder auf Sie zu und fragen Sie nach dem Stand der Umsetzung der zahlreichen Projekte. 😉