Die letzten Tage und Wochen sind die Emotionen und Statements zum geplanten Speichersee der Silvretta Montafon bis in die Landesregierung hochgekocht. Der (schwarze) ÖVP-Landeshauptmann Markus Wallner und der den Grünen angehörende Umweltlandesrat Johannes Rauch schlagen innerhalb der Koalition öffentlichkeitswirksame Schlachten vor der Presse, der eine für den Speichersee, das Skigebiet und die Arbeitsplätze, der andere für die Bewahrung der Bergwelt, der Natur und den unberührten Wasserhaushalt. Letzterer unterstützt natürlich von den Umweltorganisationen Naturschutzbund Vorarlberg, WWF, Naturschutzrat und dem Alpenverein, ersterer von Wirtschaft, Lokalpolitik und den wirtschaftsnahen Kräften.

Worum geht es überhaupt? Die Silvretta Montafon plant seit 2014, die Beschneiungsanlage im Gebiet Nova ausbauen, wozu auch ein neuer Speichersee auf 2100m Höhe gehört. Der Schwarzköpfle-See soll in der Nähe der Schwarzköpfle-Bahn auf einem bereits bestehenden Plateau gebaut und 6,5 Hektar groß werden, eine „natürliche“ Staumauer von 26m Höhe und eine Pumpstation erhalten und über 300.000 Kubikmeter Wasser speichern können.

Zum Bau des Sees müssten 180.000 Kubikmeter Gelände abgetragen werden, wobei es sich zumindest zum Teil um Feucht- und Moorlebensräume handelt. Baubeginn soll nächstes Jahr sein, die Kosten/Investitionen belaufen sich auf 10-12 Mio Euro. Den bereits bestehende Speichersee am Kapell (nach dem Skitunnel) kennt jeder Wanderer und Skifahrer und die Verschandelung der Natur mitten im Skigebiet ist aus unserer Sicht an der Stelle erträglich. Nur ist dieser doch deutlich kleiner als das Objekt der SiMo-Begierde und des Politiker-Streits, denn der neue See wäre der größte seiner Art in Vorarlberg. Dennoch kann man ihn vermutlich auch so anlegen, dass er die Natur nicht über Gebühr verschandelt, daran ist ja niemanden gelegen, bemüht sich doch neuerdings gerade die SiMo, auch im Sommer für die Gäste attraktiv zu sein. Andererseits ist der See nicht so groß, dass es nach dem Gesetz einer Umweltverträglichkeitsprüfung bedarf, es kommt das Landesnaturschutzrecht zur Anwendung, in dem eine Abwägung der Interessen von Natur und Öffentlichkeit (=Wirtschaft, wie die Kritiker anführen) vorgeschrieben ist.

Der Schwarzköpfle-See soll in der Nähe der Schwarzköpfle-Bahn auf einem bereits bestehenden Plateau gebaut und 6,5 Hektar groß werden, eine „natürliche“ Staumauer von 26m Höhe und eine Pumpstation erhalten und über 300.000 Kubikmeter Wasser speichern können.

Die Montafoner sind sich jedenfalls nach offizieller Lesart ausnahmsweise einig: Der Speichersee muss her, so Statements von Bürgermeistern, Standesrepräsentant, Montafon Tourismus, Wirtschaftsgemeinschaft Montafon (WIGE) und Hoteliers. Es gehe um Schneesicherheit und um die Existenzsicherung des Wintertourismus im Tal. Der See soll zur schnellen Beschneiung des Skigebiets nötig sein und eine (frühe) Saisoneröffnung mit genügend Schnee garantieren. Denn für Gäste wäre die Schneesicherheit ein entscheidendes Kriterium bei der Wahl des Skigebiets. Natürlich bedeute das wiederum die Sicherung der Arbeitsplätze im Tourismus. Bei den Bürgern sind auch im Montafon die Meinungen geteilt, die einen sind für eine Sicherung des Wintersports durch noch mehr Beschneiung, die anderen halten die Eingriffe in die Natur für ausgereizt und waren z.B. bereits gegen die neue Panoramabahn, deren Trassenführung über den Sennigrat man weithin sehen kann.

Die Frage ist doch, wie weit soll die Technisierung des Wintersports und die Inanspruchnahme der Natur noch getrieben werden, damit auch in Zeiten wärmeren Klimas ein sicherer Wintersportbetrieb gewährleistet werden kann? Keine Frage, das Tal ist vom Tourismus abhängig. Tourismus und Elektrizität brachten schon vor 100 Jahren Wohlstand ins Tal, daran hat sich bis heute nichts geändert. Muss es aber immer größer und weiter und noch mehr sein? Eher nicht. Die Wachstumsgesellschaft hat erhebliche Probleme und die Wachstumsphilosophie ist gerade im Hinblick auf das begrenzte Gut Umwelt nicht zukunftsträchtig. Sinnig wäre, wenn sich Land und Montafon überlegen würden, wie eine nachhaltige Tourismusstrategie aussehen könnte für die nächsten 10, 20 und 30 Jahre. Als Mittelweg könnte dabei eine Konzentration der Eingriffe in die Umwelt herauskommen.

Baubeginn soll nächstes Jahr sein, die Kosten/Investitionen belaufen sich auf 10-12 Mio Euro.

Zusätzliche Skipisten und Neuerschließungen sind in Vorarlberg seit den 1980er-Jahren ohnehin nicht mehr gewollt. Weitergedacht könnte das bedeuten, dass in zentralen Skigebieten, wie die Silvretta Montafon sicher eines betreibt, der Skizirkus auf dem technisch und wirtschaftlich machbaren Stand weitergeführt wird. Es bleibt aber bei den bestehenden Skigebieten und die bisher nicht betroffene Natur wird strenger geschützt als bisher. Man kann sich sicher auch die Frage stellen, ob es vier Skigebiete (SiMo, Gargellen, Golm und Kristberg) im Tal bedarf oder ob man sich nicht lieber auf qualitativ hochwertigen Skisport in einem oder zwei Skigebieten konzentriert. Dann werden dort solche Bauwerke (vielleicht noch etwas kleiner, denn die Saison immer noch weiter nach vorn zu verlegen und ab Oktober zu beschneien muss sicher auch nicht sein….) erlaubt, andere Skigebiete dafür im Laufe der Jahre und Jahrzehnte reduziert und der Natur wenigstens partiell zurückgegeben. Auch die derzeit intensive Bautätigkeit im Tal(grund) muss an dieser Überlegung gemessen werden. Was davon macht wirklich auf Jahre gesehen Sinn? Wie viel Boden soll noch versiegelt werden? Gerade, wenn die Zahlen im Tourismus nicht mehr in den Himmel wachsen und die künftigen Gäste auf Lebensqualität und naturnahe Erholung noch mehr Wert legen als heute?

Die Ausgaben für den Wintersport werden weiter steigen, denn die Investitionen in Schneesicherheit müssen sich rechnen. Auf Seiten der Anbieter – und darum zwingend auch für die Gäste – werden die Kosten steigen. Die Gästezahlen werden nicht großartig wachsen, also wird der Skisport immer elitärer werden. Schon heute ist ein Verdrängungswettbewerb der Skigebiete im Alpenraum oder sogar international um den Gast an der Tagesordnung. Damit dürfte es Sinn machen, sich auf ein bestimmtes Klientel an Gästen zu konzentrieren (z.B. Abkehr vom Umwelt, Menschen und Infrastruktur überdurchschnittlich belastenden Tagestourismus) und sich gegen Wachstum um jeden Preis zu entscheiden. Mallorca kann hier als Vorbild dienen, das vom Sangria-Party- und Massentourismus weg will zu einem umweltbewussteren und qualitativ höherwertigen Tourismus und auf diesem Weg schon einige Erfolge erzielt hat.

Damit ist unser Votum klar: Speichersee Nova JA, aber flankiert mit einer Strategie, welche das Tal dazu bringt, nicht noch mehr Fläche zu verbrauchen und strategisch auch wieder Fläche der Natur zurückzugeben. Damit lassen sich beide für das Tal unabdingbare Themen für eine erfolgreiche Zukunft voranbringen: Die Natur UND der Tourismus. Was ist Eure Meinung? Kommentiert hier gerne oder schreibt uns eine Mail unter info@silberbergmontafon.at

NACHTRAG vom 19.4.2018:
Die BH Bludenz hat mittlerweile eine Genehmigung für den Speichersee erteilt.

Nachtrag vom 19.5.2018:
Die Umweltverbände haben den Rechtsweg beschritten, um den Speichersee zu verhindern.