Nicht nur heute beschäftigen sich das Montafon und das gesamte Land Vorarlberg mit der Schweiz. Eine stark steigende Gästezahl, aber auch gemeinsame Projekte z.B. mit dem Prättigau zeigen die heutige Verbundenheit des Tals mit den direkten Nachbarn in der Schweiz. Dabei wären die Vorarlberger vor 100 Jahren gern selbst Schweizer geworden.

Ausgangslage

Direkt nach Ende des ersten Weltkrieges (1914-1918) gab es Bestrebungen einiger Vorarlberger, das Land Vorarlberg der Schweiz (die es bereits seit 1291 gibt) anzugliedern. Mit diesen Bestrebungen weg von Österreich war Vorarlberg nicht allein, auch in Tirol gab es Überlegungen, eine Republik Tirol mit Südtirol auszurufen. Und auch in Kärnten gab es Republiküberlegungen. Dieser Partikularismus entsprang vor allem aus der extremen Nahrungsmittelnot direkt nach dem Krieg und der zunächst unklaren Aussichten für eine Republik Österreich.

Abstimmung am 11. Mai 1919

Im Frühjahr 1919 wurde dem Landeshauptmann eine von über 40.000 Vorarlbergern unterschriebene Petition vorgelegt, die sich einen solchen Anschluss wünschten.  Der Lustenauer Lehrer Ferdinand Riedmann hatte die Lawine ins Rollen gebracht und war damit sehr erfolgreich. Die Diskussionen und ein erstes Vorfühlen in der Schweiz, insbesondere bei Bundesrat Felix Calonder, führten zu einer sehr schnell organisierten Volkabstimmung am 11. Mai 1919. Darin wurde das Wahlvolk gefragt, ob die Landesregierung mit der Schweiz über einen Anschluss Verhandlungen aufnehmen soll. Dies bejahten die Wählerinnen und Wähler mit einer überwältigenden Mehrheit von 81%! Im Montafon war das Ergebnis noch klarer, hier stimmten rund 92% dafür, so gab es im Silbertal nur eine einzige Gegenstimme und am Bartholomäberg 5. Dafür stimmten die Bludenzer mit knapper Mehrheit dagegen, waren aber mit den Hittisauern allein mit ihrer Meinung im Land.

Das Ergebnis war sicherlich vor allem wirtschaftlich motiviert, allerdings sind auch die Gemeinsamkeiten gerade der Ostschweizer und der Süddeutschen (Alemannen) mit den Vorarlbergern – auch heute noch – nicht von der Hand zu weisen.

Umgang mit dem Abstimmungsergebnis

In der Schweiz gab es eine Vereinigung Pro Vorarlberg, die den Anschluss stützte. Allerdings wurde dieser aus dem Ländle selbst hintertrieben, so waren die Fabrikbesitzer, die Auslandsschweizer und einige Grenzgemeinden, die um ihre Grenzstatus und den damit verbundenen Profit fürchteten, gegen das Vorhaben und ließen den Schweizern „Warnungen“ zukommen.

Daneben sprach die große politische Lage gegen die Idee. Nach dem Krieg wollten die Siegermächte ein zwar kleines, aber stabiles Österreich, die Schweiz selbst wollte gar den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Selbstredend war auch die österreichische Regierung in Wien nicht begeistert davon, diesen Teil des Staates an die Schweiz abzutreten. Damit fanden die Vorarlberger auch in den Pariser Friedensverhandlungen mit ihrem Wunsch kein Gehör.

Die Schweiz verhielt sich offiziell neutral und wollte nicht in die Mühlen der Großmächte wegen eines Anschlusses von Vorarlberg geraten. Außerdem fürchteten die Schweizer die finanziellen Folgen eines Anschlusses.

Da das Vorhaben nicht vorankam, wurden im August 1919 Großversammlungen in Vorarlberg abgehalten, welche für den Anschluss warben und die Gemeinsamkeiten mit den Schweizern ebenso hervorhoben wie das Selbstbestimmungsrecht der Vorarlberger. Dieses Selbstbestimmungsrecht, welches die Schweiz als Voraussetzung für einen Anschluss ansah, wurde ihnen aber von Wien abgesprochen.

Am Ende wurde die Anschlussbewegung also schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und die enttäuschten Vorarlberger nannten das Ländle Kanton Übrig, weil man sich von den Schweizern als „nicht gewollt“ oder eben übrig betrachtete.

Einige wenige betrieben den Anschluss ans Deutsche Reich weiter, der ja dann 1938 auch erfolgen sollte. Damit wurde dann Vorarlberg organisatorisch wieder mit Tirol zusammengelegt, aus der österreichischen Nummer kamen die Vorarlberger also nicht wirklich heraus.

Überlegungen nach 1945

Nach dem zweiten Weltkrieg (1939-1945) gab es noch mal Bestrebungen, einen alemannischen Staat oder eine alpenländische Republik zu bilden, in dem Baden, Württemberg, Bayern und zumindest die westlichen Teile von Österreich gepasst hätten, aber auch dazu kam es letztlich nicht.

Wenn man aus heutiger Sicht überlegt, welche unglaubliche Wirtschaftskraft ein solches Alpenstaats-Gebilde mit den in ihren Staaten wirtschaftlich sehr starken Bundesländern Baden-Württemberg, Vorarlberg, Tirol, Bayern und vielleicht einigen östlichen Kantonen der Schweiz wie St. Gallen/Graubünden und damit einem geeinten Rheintal oder sogar noch mit Südtirol hervorgebracht hätte… 😉

 

Literaturtipps

Meinrad Pichler, Geschichte Vorarlbergs, Band 3, S. 168 ff.